Michael Thumann ist Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT. © Nicole Sturz

Während der Westen eifersüchtig auf jede kleinste Bewegung im Flirt von Griechen und Russen starrt, entgehen ihm die wirklich bedeutsamen Erfolge Moskauer Außenpolitik. Im vergangenen Monat empfing Russlands Präsident Wladimir Putin in einem verschwiegenen Palast von St. Petersburg den saudischen Verteidigungsminister und mächtigen Königssohn Mohammed bin Salman al Saud, der noch einige Minister mitgebracht hatte. Ein bis vor Kurzem kaum vorstellbares Treffen, denn zwischen Saudis und Russen stehen der syrische Krieg, die saudisch-amerikanische Allianz und die russische Nähe zum Iran. Nun kam aber heraus, dass Russen und Saudis in Petersburg eine Reihe weitreichender Verträge abgeschlossen haben.

Saudi-Arabiens Public Investment Fund, einer der mehrere Milliarden umfassenden Staatsfonds des Königreichs, will in den nächsten Jahren rund zehn Milliarden Euro in Russland investieren. Profitieren soll davon der russische Einzelhandel, das Transportwesen, die Landwirtschaft, Krankenhäuser. Die Saudis wollen zudem im großen Stil Immobilien kaufen. Beide Seiten gaben zudem Absichtserklärungen für Waffenlieferungen und die Zusammenarbeit im Ölsektor sowie bei der Atomenergie ab.

Die saudischen Investitionen sind in einer Zeit, in der westliche Finanzsanktionen Russland von Kreditmärkten abschneiden, kein wirklicher Ausgleich, aber doch ein wichtiges Signal: Nicht die ganze Welt schließt sich den westlichen Sanktionen an. Noch nicht mal Saudi-Arabien, der einst treue Verbündete der Amerikaner am Golf.

Bedeutet das eine weitere Entfremdung der Saudis von den Amerikanern? Werden die Russen zu den besten Freunden der Araber? Russische Medien sehen das so: "Hurra, die Amerikaner sind isoliert!", "Die Saudis sprechen Russisch!" – so tönt es aus den Nachrichtensendungen im Kreml-TV. Die Propaganda versucht ständig, Russland als beliebtes Mitglied der Weltgemeinschaft und den Westen als außen vor darzustellen.

Tatsächlich trennt Saudis und Russen noch viel. Die Araber sind auf den militärischen Schirm der Amerikaner ebenso angewiesen wie die Europäer. Neben China bleiben die USA der große Exportmarkt für saudisches Öl. 

Saudi-Arabien will russische Waffen

In Moskau erklärte mir der ehemalige stellvertretende Energieminister Wladimir Milow, dass sich Russen und Saudis noch nie auf eine gemeinsame Strategie auf dem globalen Ölmarkt einigen konnten. Die Zehn-Milliarden-Investition der Saudis habe für die russische Regierung kein strategisches Format. Russland braucht dringend Geld für die Erschließung neuer Ölquellen und die Verfeinerung der Fördertechniken. Nichts davon hat Saudi-Arabien angeboten. Außer Hoffnung.

Die Russen können nicht viele Produkte exportieren, aber das wenige, das sie exportieren, können sie richtig: Öl und Gas, Atomkraftwerke, Waffen. Für Rohstoffe interessieren sich die Petro-Saudis natürlich nicht. Aber für Waffen und Kernkraftwerke, die sie auch im Blick auf den verhassten Nachbarn Iran anschaffen wollen, ist Russland ein guter Partner. Saudi-Arabien will in den nächsten Jahren zudem 16 Meiler bauen. Die Russen könnten, wenn ein Deal trotz internationaler Konkurrenz klappt, am Ende sowohl Saudis wie Iraner mit Atomtechnologie beliefern. 

Meckern und Mahnen sollen die anderen

Das Atomabkommen der Großmächte mit dem Iran hat für die Saudis die Welt auf den Kopf gestellt. Der Gegner Iran nähert sich plötzlich den USA an, er wird Zugang zu Krediten und zu westlicher Technologie bekommen. Die Saudis grollen daher den Amerikanern und wollen es ihnen mit dem Russen-Flirt nun heimzahlen.

Im Moskauer Institut für Ostwissenschaften traf ich den einflussreichen Direktor Witalij Naumkin, einen der besten hiesigen Kenner des Nahostschachbretts: "Für Russland hat sich mit dem Iran-Abkommen und mit dem Wechsel des Königs in Riad das Fenster zur arabischen Halbinsel geöffnet", sagt er. Der neue König Salman verlässt sich viel weniger auf die Amerikaner als sein verstorbener Vorgänger Abdallah. Den Krieg im Jemen führen er und sein Sohn Mohammed bin Salman auf eigene Faust. Die Russen überlassen der US-Regierung das Meckern und Mahnen und bieten stattdessen militärische Zusammenarbeit an – genauso, wie sie es mit Iran halten.

Hier liegt der tiefere Sinn dieser auf den ersten Blick widersprüchlichen Nahostpolitik: Russland ist zum Gelegenheitsjäger geworden. In einer Zeit, da Kriege und das neue Atomabkommen mit dem Iran die ganze Region umpflügen, suchen die Russen gezielt die strategischen Lücken. Und sind dabei ziemlich erfolgreich. Gute Beziehungen zum Iran und zu den Saudis, zu Syriens Al-Assad und Ägyptens Al-Sissi – alles scheint ihnen derzeit zu gelingen. Die USA dürfen besorgt sein.