Das Spiel mit Bildern und Dramatik beherrscht Oleh Senzow perfekt. Als die Kameras knipsen, lächelt der ukrainische Filmemacher  und formt seine Finger zu einem Victory-Zeichen, durch die Gitterstäbe des Käfigs im Gerichtssaal hindurch. "Ich fürchte mich nicht vor 20 Jahren Haft, weil ich weiß, dass die Herrschaft des blutigen Zwerges in eurem Land schon früher enden wird", hatte er schon zuvor bei einer Anhörung in Anspielung auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin gesagt. 

An diesem Montag wird im südrussischen Rostow am Don der Prozess gegen den Senzow und den mitangeklagten ukrainischen Aktivisten Aleksandr Koltschenko fortgesetzt. Die russischen Behörden werfen Senzow vor, im Frühling 2014 Drahtzieher einer terroristischen Zelle des Rechten Sektors auf der Krim gewesen zu sein. Dafür droht ihm Haft: von 20 Jahre bis hin zu lebenslang. Koltschenko wird Mitarbeit in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. 

Die Aufmerksamkeit nicht nur in der Ukraine ist groß, immerhin ist es das erste Verfahren gegen einige ukrainischen "Putin-Geiseln", wie die ukrainische Zeitung Zerkalo Nedeli sie nennt. Auf der Krim gehörten Senzow und Koltschenko zu jenen Bewohnern, die aktiv gegen die Annexion der Krim durch Russland eintraten. Wenige Wochen nach dem Anschluss wurden sie – wie auch andere pro-ukrainische Aktivisten – festgenommen und nach Moskau gebracht. In Russland wird ihnen jetzt nach russischem Recht der Prozess gemacht – obwohl sie sich selbst als ukrainische Staatsbürger sehen. Die Moskauer Lesart geht indes so: Da Senzow und Koltschenko nicht innerhalb der Frist von einem Monat nach der Annexion schriftlich ihren Ablehnung der russischen Staatsbürgerschaft erklärt hätten, seien sie automatisch zu russischen Bürgern geworden.   

Im Zentrum des Prozesses stehen zwei Brandanschläge auf Büros von pro-russischen Organisationen in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Zu großen Teilen gründet sich die Anklage gegen Senzow und Koltschenko auf die Aussagen zweier Aktivisten von der Krim, die wie die beiden Angeklagten im Frühling 2014 vom russischen Geheimdienst festgenommen wurden. Beobachter gehen davon aus, dass die Geständnisse der beiden ehemaligen Mitstreiter erzwungen worden sind. 

Auch Senzows Anwalt berichtete von Folterungen – Senzow soll geschlagen und getreten worden sein, um ein Geständnis zu erreichen. Die Vorwürfe wurden von den russischen Behörden abgeschmettert: Die Spuren körperlicher Gewalt hätte sich Senzow wohl aufgrund einer sadomasochistischen Neigung schon vor der Festnahme zugezogen, so die russischen Ermittler. 

Die Foltervorwürfe stehen in einer Reihe von Ungereimtheiten. So wird Senzow vorgeworfen, "terroristische Anschläge geplant zu haben, um die Lage zu destabilisieren und die Obrigkeit dazu zu bringen, aus der Russischen Föderation auszutreten". Damit soll der Regisseur bereits im März vergangenen Jahres begonnen haben – die Krim wurde aber erst am 18. März 2014 annektiert. Auch Koltschenko soll Mitglied des rechtsextremen Rechten Sektors gewesen sein. Er ist auf der Krim aber schon seit Jahren als linker Aktivist bekannt. Auch Senzow weist jede Verbindung zum Rechten Sektor zurück. 

Die Inhaftierung des 38-jährige Senzow, der 2012 sein Spielfilm-Debüt mit dem Film Gamer gab, erregt auch in der Filmszene internationales Aufsehen. Filmgrößen von Pedro Almodovar bis Wim Wenders fordern seine Freilassung. Anfang Juli fanden in Berlin die Ukrainischen Filmtage zu seiner Unterstützung statt. Auch die parlamentarische Versammlung des Europarates hat zur Freilassung der Ukrainer aufgerufen.