Bislang galt die Türkei als das Transit- und Rückzugsland für Dschihadisten. Als Zwischenstation für jene Kämpfer also, die sich in Syrien dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS) anschließen wollen. Auch um ihre Wunden zu behandeln, Waffen zu besorgen und Kräfte zu sammeln, haben sich die IS-Terroristen immer wieder in die Grenzregion zurückgezogen. Viele Beobachter, besonders Gegner der Partei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, verdächtigen die AKP-Regierung, dass sie zu lange die Augen vor der Präsenz des IS und seiner Anhänger im Land verschloss – wenn nicht gar, dass sie diese unterstützt habe, etwa mit Waffen, Logistik, und allzu laschen Grenzkontrollen. Bewiesen ist das bislang aber nicht. Warum sollte die Türkei den IS unterstützen? "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" – das Hauptziel der türkischen Syrienpolitik ist die Absetzung von Syriens Staatspräsident Assad, gegen den auch die Terrormiliz kämpft.

Die Anhänger der Unterstützer-These schreiben etwa den Anschlag in Reyhanlı in der Provinz Hatay 2013 auf das Konto des IS. Damals starben 46 Menschen. Vor wenigen Wochen, während der Kämpfe der Anti-IS-Koalition und kurdischen Einheiten gegen den IS um die syrische Stadt Tal Abyad, wurden wir Journalisten in der Grenzstadt Akçakale Zeugen, wie blank die Nerven bei Vertretern des Staates liegen, wenn es um die Frage geht, ob der IS sich auf türkischem Boden befindet.

Seit gestern verdichten sich die Hinweise darauf. Bei einem Anschlag in Suruç starben 31 junge Menschen, 104 wurden verletzt, teilweise schwer. Sie sind Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF (Föderation der Sozialistischen Jungendvereine). 300 von ihnen waren vor zwei Tagen in die grenznahe Kleinstadt gekommen, um im wenige Kilometer entfernten syrischen Kobani als Freiwillige beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. Während einer Kundgebung der Gruppe im Garten eines örtlichen Kulturzentrums, das vergangenes Jahr während der Kämpfe in Kobani zur Krankenstation und zum Medikamentenlager umfunktioniert wurde (wir berichteten von dort), sprengte sich nach ersten Erkenntnissen eine Selbstmordattentäterin in die Luft.

Unter dem Motto, "Wir haben zusammen gestanden – wir werden zusammen aufbauen!", wollten die Jugendlichen eine Woche in Kobani verbringen, so hatten sie es auf ihrer Facebook-Seite angekündigt. Wenn man runterscrollt sieht man Fotos von Spielzeug, das sie nach Kobani bringen wollten. Autos und Puppen. Weiter oben sind diese nun abgelöst worden von Fotos der Getöteten, von Namenslisten und Demonstrationen gegen die Regierung, die es in vielen türkischen Städten gestern nach dem Anschlag gab.

Nun sprechen zum ersten Mal Vertreter der Staates davon, dass der IS einen Terroranschlag in der Türkei verübt haben könnte. In einer ersten Erklärung sagte Premierminister Ahmet Davutoğlu, dass die Hinweise auf den IS deuten. Seit geraumer Zeit scheint die Regierung die Terrormiliz  in den Fokus zu nehmen, und zwar so, dass es sowohl für die Türken selbst als auch von internationalen Beobachtern bemerkt wird. Als Anfang des Monats Soldaten und militärisches Gerät an der Grenze nach Syrien stationiert wurden, deutete das auch der bekannte Journalist Ruşen Çakır als erste offizielle Regierungsaktion gegen den IS. Er berichtete von einem Hintergrundgespräch mit einem hohen Regierungsbeamten, der gesagt habe, dass es bei der Stationierung des Militärs gar nicht in erster Linie um die kurdischen Einheiten auf der anderen Seite der Grenze ginge, die immer mehr Land unter ihre Kontrolle brachten, sondern um die Gefahr, die vom IS ausging. Dazu passt, dass etwa zur gleichen Zeit die Sicherheitsbehörden in Istanbul Razzien gegen Anhänger des IS durchführten und mehrere Personen festnahmen.

Dennoch gibt es viele Fragen. Zum Beispiel diese: Wie kann es zu einem solchen gut organisierten Anschlag kommen – in einer grenznahen Stadt, in direkter Nachbarschaft zum Kriegsgebiet, in der man davon ausgehen kann, dass Polizei, Armee und Geheimdienst hier besonders stark vertreten sind. Die türkische Regierung hat in der Region bei weiten Teilen der Bevölkerung ein massives Vertrauensproblem, und nun auch ein Sicherheitsproblem. Und wenn die Türkei ein Sicherheitsproblem hat, dann hat es Europa auch. Zu Recht wies der türkische Außenminister in einem Interview mit der ZEIT darauf hin, woher viele der IS-Anhänger kommen – aus der EU. Erst können europäische Sicherheitsbehörden Dschihadisten nicht aufhalten, dann die Türkei nicht.