Er hat ja alles versucht. Da sitzt Alexis Tsipras am Dienstagabend vor der Bücherwand in seinem Ministerpräsidentenbüro und versucht seine Niederlage so zu erklären, dass sie nicht wie eine aussieht. "Ich werde nicht so tun, als seien die Dinge einfach oder schön", sagt er fünf, sechs Mal.

Am Montag, nach einer fast endlosen Nachtsitzung, war er zurückgekommen aus Brüssel mit einem Verhandlungsergebnis, das tatsächlich weder einfach noch schön ist für Griechenland. Ein Reformpaket, härter als das, was die Griechen auf seine, Tsipras' Initiative, noch eine Woche zuvor per Referendum abgelehnt hatten. Nun, am Mittwoch, steht ihm direkt die nächste Probe bevor. Das griechische Parlament soll die ersten Gesetze auf den Weg bringen, die in Brüssel verhandelt wurden. Und ein großer Teil seiner eigenen Syriza-Partei hat angekündigt, nicht zuzustimmen.

In dieser Situation also nun das Interview im staatlichen Sender ERT. Man sieht und hört darin einen müden Tsipras, der wenig wissen will von Parteipolitik und stattdessen viel von Staatsräson spricht. Für ihn, der angetreten war, um den gesamten Kurs der Europolitik zu ändern, ist das ein bemerkenswerter Kurswechsel.

"Ich weiß, dass es vielleicht keine gute Lösung ist, aber es ist die einzige, die wir haben", sagt er. Er klingt in diesem Moment fast wie Angela Merkel, er sagt nicht "alternativos", aber das Merkel'sche Wort liegt in der Luft.

Keine neuen Kürzungen bei den Pensionen und bei den Gehältern, das verkauft er als Erfolg. Dafür: Steuererhöhungen und die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67. "Immerhin gilt das Programm nun drei Jahre und wir können in dieser Zeit unseren finanziellen Verpflichtungen nachkommen und Löhne auszahlen." Seine erste Priorität sei es nun, die soziale Infrastruktur und die Wirtschaft zu stabilisieren.

"Europa gehört nicht Schäuble"

Stabilität statt Revolution also. "Ich dachte, ich könnte in der Eurogruppe etwas verändern", sagt Tsipras. "Ja, Sie können sagen, dass ich naiv war". Das ist keine Bitte um Entschuldigung beim griechischen Volk für das Chaos der vergangenen Tage und Wochen, aber doch das Eingeständnis seiner Niederlage. Eine, die in seinen Augen auch Europa schadet: "Ich hatte mehr Solidarität erwartet."

Stattdessen war da Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister. "Europa gehört nicht Schäuble", sagt Tsipras, das ist die aggressivste Stelle im Interview. "In der Nacht in Brüssel war ich zwischen sechs und neun Uhr morgens zweimal gezwungen, die Verhandlungen zu unterbrechen", berichtet der Premierminister. Der Grund: Schäubles Plan, den Treuhandfonds zur Privatisierung in Luxemburg anzusiedeln und nicht in Griechenland. Eine rote Linie für Tsipras, wie er klarmacht. Hier verteidigt er hart die griechische Souveränität.

Gekämpft und verloren

Ansonsten ist sein Auftritt inhaltlich ein Paradox: Er muss ein Reformprogramm verkaufen, an das er ganz offensichtlich nicht glaubt, das ja allem widerspricht, wofür er steht und gewählt wurde, was er sich im Referendum vor gerade einmal neun Tagen noch einmal hatte bestätigen lassen. Überhaupt, das Referendum: "Vielleicht war es nicht die richtige Entscheidung, vielleicht habe ich mit dem Referendum eine Linie übertreten, aber ich wollte mir nicht vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben." Nun hat er also verloren, aber immerhin mit allen Mitteln gekämpft, so sieht es Tsipras.

Und nun? Nun muss der zum Realpolitiker gewandelte Premier darauf hoffen, dass seine linksradikale Partei ihm folgt. Alles ist unklar am Vorabend vor der Abstimmung: ob sich Syriza teilen wird, ob es eine neue Regierungskoalition mit den kleineren Parteien der Mitte geben wird, Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung. Oder ob Syriza doch zusammenhält. Tsipras appelliert aus der Pose des Staatsmanns an seine Parteifreunde: "Man kann sich nicht auf den Lorbeeren linker Ideologie ausruhen, aber nichts tun." Und: "Ich kann niemanden erpressen, jeder muss nun seine Verantwortung wahrnehmen." Er für seinen Teil habe nicht vor, sich vor seinen Pflichten zu drücken, sondern wolle "versuchen, meinen politischen Plan in den kommenden vier Jahren umzusetzen".

Damit hat er zwar die Gerüchte um einen möglichen Rücktritt beendet. Wie er aber diesen Plan, der doch so sehr vorbestimmt ist von der verhassten Brüsseler Vereinbarung, überzeugend vertreten kann beim griechischen Volk, dem er so viel versprochen hat, das konnte der Realpolitiker Tsipras an diesem Abend nicht zeigen.