Die türkische Armee hat nach Luftangriffen gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und die PKK im Nordirak nun auch ein von Kurden kontrolliertes Dorf im Norden Syriens unter Beschuss genommen. Das teilte die kurdische Miliz YPG in einer Erklärung mit. Ihre Stellungen in Syrien seien angegriffen worden. Mehrere türkische Panzer hätten das Dorf Sor Maghar in der nordsyrischen Provinz Aleppo nahe der Grenze zur Türkei beschossen. Später habe es noch einen weiteren Angriff auf Sor Maghar und ein anderes Dorf gegeben. Vier Rebellenkämpfer und mehrere Dorfbewohner seien durch den "schweren Panzerbeschuss" aus der Türkei verletzt worden.

Nach Angaben der Kurden-Miliz zielten die türkischen Truppen bei ihrem Angriff nicht auf die IS-Kämpfer, hieß es in der Erklärung. Sor Maghar liegt östlich der Stadt Dscharabulus, die vom IS kontrolliert wird. Die YPG liefert sich erbitterte Kämpfe mit dem IS. In der Erklärung der Miliz hieß es, die Regierung in Ankara müsse diese Aggression gegen die Kurden beenden.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und andere Aktivisten bestätigten die Angaben. Der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, es handele sich offenbar um den bislang schwersten türkischen Angriff auf kurdisches Gebiet seit Beginn des Syrien-Konflikts.

Türkei streitet Beschuss von Kurden

Die Türkei bestritt, gezielt Kurden in Syrien anzugreifen. Die türkischen Militäreinsatze in Syrien richteten sich gegen den IS und die Einsätze im Irak richteten sich gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans PKK, sagte ein türkischer Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Die Partei der Demokratischen Union (PYD), die wichtigste Kurdenpartei in Syrien, gehöre "nicht zu den Zielen unserer Militäreinsätze." Man prüfe die Informationen.

Die Türkei hatte am Wochenende ihre Militäraktionen in den Nachbarstaaten Syrien und Irak ausgedehnt. Die Armee hatte am Freitag erstmals IS-Stellungen in Syrien bombardiert, in der Nacht zum Samstag wurden zum ersten Mal Lager der PKK im Nordirak angegriffen. Mit den Angriffen auf die PKK riskiert die Führung in Ankara ein Ende des Friedensprozesses mit den Kurden im eigenen Land.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu versicherte in der Zeitung Hürriyet, sein Land habe keine Pläne für einen Einsatz von Bodentruppen in Syrien. Moderate Rebellen wie die Freie Syrische Armee, die gegen den IS kämpften, müssten aber aus der Luft unterstützt werden. "Wir wollen Daesch nicht an unserer Grenze sehen", sagte Davutoğlu unter Verwendung der arabischen Abkürzung für den IS.

Nato-Rat befasst sich am Dienstag mit dem Thema

Die Regierung in Ankara stuft sowohl den IS als auch die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK als Terrororganisationen ein. Der Türkei wird seit Langem vorgeworfen, dem Vormarsch der IS-Miliz tatenlos zuzusehen. Einige Kritiker werfen ihr auch vor, die Dschihadisten mit Waffen zu versorgen und nichts zu unternehmen, um IS-Rekruten am Grenzübertritt zu hindern. 

Am Dienstag soll der Nato-Rat auf Ersuchen der Türkei über die Lage beraten. Am Sonntag sprach der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zudem mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin über die Lage in Syrien und im Irak. Beide Staatschefs hätten über eine bessere Zusammenarbeit im Kampf gegen den IS beraten, teilte das russische Präsidialamt mit.