In den vergangenen 24 Stunden hat die Türkei ihre Syrien-Politik neu ausgerichtet: Die Grenze zum Nachbarland soll besser überwacht, teilweise sogar mit einem Zaun und einer Mauer undurchlässig gemacht werden, um die Nachschublinien der Dschihadisten des "Islamischen Staates" (IS) zu kappen; und in den Morgenstunden des Freitags haben türkische Kampfjets erstmals IS-Stellungen in Syrien bombardiert.

Die Reaktionen schwanken zwischen "Endlich!" und "Zu wenig, zu spät". Beides ist richtig. Es ist wie in einem wichtigen Fußballspiel, wenn der Trainer erst zehn Minuten vor Abpfiff den vermeintlichen Joker einwechselt. Wichtiger als die operativen Maßnahmen der Türkei ist freilich, dass sie den USA erlaubt hat, fortan zwei türkische Militärbasen im Kampf gegen den "Islamischen Staat" zu nutzen. Sie liegen viel näher am Gebiet des IS-"Kalifats" als die bisherigen Stützpunkte; in Washington wird diese Erlaubnis als "game changer" bewertet.

Die Türkei hat ihre Politik allerdings weder aus humanitären Erwägungen geändert, noch weil die USA sie darum gebeten hätten. Ankara interessiert nur das eigene Kalkül. Der – vermutlich zu Recht dem IS angelastete – Anschlag von Suruç am 20. Juli, bei dem 32 Menschen ermordet wurden, sowie der Tod eines türkischen Soldaten bei einem Gefecht mit IS-Kämpfern kurz darauf haben Ankaras Entscheidung vorangetrieben. Der tiefere Grund für das neue Engagement ist die langsam gereifte Erkenntnis, dass der IS in die Türkei einsickert: Er rekrutiert dort, spinnt Netze, plant Anschläge. Solange der IS allein in Syrien und im Irak ein Problem darstellte, war die türkische Regierung nicht übermäßig besorgt.

Es geht ihr also weniger um eine Ausmerzung des IS, als vielmehr darum, im eigenen Land für das zu sorgen, was sie für "Ruhe" hält. Das lässt sich auch daran ablesen, dass sich die Polizeiaktionen der letzten Stunden keineswegs gegen mutmaßliche IS-Anhänger allein richteten: Kurdische Militante und Linksextremisten wurden genauso ins Visier genommen. Aus Sicht der türkischen Regierung sind diese alle Feinde – und sie wird ihre Ressourcen weiterhin aufteilen. Gerüchte, dass die Türkei nun auch eine No-Fly-Zone im Norden Syrien durchsetzen will, um Anti-Assad-Rebellen zu unterstützen, sind derzeit nur eins: Gerüchte.

Es könnte deshalb voreilig sein, die neue Syrien-Politik der Türkei als game changer zu bejubeln. Die internationale Anti-IS-Allianz bekämpft den IS schon seit Monaten aus der Luft – bis jetzt mit wenig messbarem Erfolg. Sicher, die Luftangriffe können jetzt intensiviert werden. Aber wenn sie nicht das richtige Mittel zum Zweck sind, werden mehr Bomben allein wenig ausrichten. Schon jetzt gehen der Allianz angeblich die Ziele aus, weil sich die IS-Kämpfer unter Zivilisten mischen.

Aus Sicht des IS wiederum ist die Offensive der Türkei ein Erfolg. Das mag zunächst paradox klingen: Warum sollten sich die Dschihadisten einen weiteren Gegner wünschen? Die Rechnung der Dschihadisten sieht so aus: Der Schaden, der uns durch die neue türkische Politik droht, ist geringer als der Nutzen, den sie uns in Form von neuen Rekruten und neuen Propaganda-Möglichkeiten bringt. In der DNA des IS sind die Erfahrungen seiner Vorläuferorganisation Al-Kaida gespeichert. Die Dschihadisten sind überzeugt, dass sie in Afghanistan die Russen besiegt haben und im Irak die USA. Ein weiterer mächtiger Staat, der sich in einem asymmetrischen Konflikt gegen sie verheddert, das wäre ganz nach dem Geschmack des IS. Ob diese Rechnung stimmt, ist unerheblich – der IS denkt nun einmal so.

Der IS wird nun versuchen, weitere Anschläge in der Türkei zu organisieren. Die Allianz hingegen wird die Bombardierung der Kalifatisten ausweiten. Die Hoffnung ist, dass diese absehbare Eskalation in eine Schwächung des IS mündet. Es wird vermutlich Wochen dauern, bevor abzusehen ist, ob sich das erfüllt.