Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rechnet nicht damit, dass die Türkei das Militärbündnis um eine groß angelegte Unterstützung im Kampf gegen Extremisten bitten wird. "Die Türkei hat eine sehr starke Armee und sehr starke Sicherheitskräfte", sagte Stoltenberg dem britischen Sender BBC. "Es ist deshalb keine Anfrage nach einer substanziellen militärischen Unterstützung in Sicht", sagte er vor dem Treffen der Nato-Botschafter am morgigen Dienstag in Brüssel.

Stoltenberg verwies darauf, dass die Nato im Südosten der Türkei seit Anfang 2013 Patriot-Luftabwehrraketen stationiert hat, um das Land gegen mögliche Angriffe zu schützen. An dem Raketenstützpunkt sind auch Bundeswehrsoldaten im Einsatz.

Auch die Bundesregierung sieht derzeit keine Grundlage für einen Nato-Einsatz. "Der Bündnisfall ist weit weg", sagte Vizeregierungssprecher Georg Streiter. Kanzlerin Angela Merkel begrüße es aber ausdrücklich, dass die Türkei den Kampf gegen den IS aufgenommen habe.

Die Botschafter der 28 Nato-Mitgliedstaaten kommen auf Antrag der Türkei am Dienstag in Brüssel zusammen, um über die Gefechte mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sowie der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu beraten. Die Regierung in Ankara will auf Grundlage des Artikels 4 des Nato-Vertrages mit seinen Partnern sprechen: Dieser sieht Beratungen vor, wenn ein Nato-Mitglied die Unversehrtheit seines Territoriums, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sieht.

Die Türkei hatte am Freitag mit Luftangriffen gegen den IS in Syrien begonnen und sie am Samstag auf die PKK im Nordirak ausgedehnt. Das Vorgehen der Türkei gegen den IS begrüßte Stoltenberg. Zugleich mahnte er, dass "Selbstverteidigung angemessen" sein müsse. In einem Interview mit dem norwegischen Fernsehen am Sonntagabend hatte er gewarnt, den jahrelangen, mühsamen Friedensprozess zwischen Ankara und den Kurden zu gefährden.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu zugesichert, seine Regierung wolle an dem Friedensprozess mit den Kurden festhalten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier appellierte wie zuvor auch Merkel dafür, den mühsam aufgebauten Friedensprozess nicht zum Erliegen zu bringen.

USA und Türkei wollen IS-freie Zone entlang der Grenze

Der IS wird für einen Anschlag im türkischen Suruç mit 32 Toten verantwortlich gemacht. Die PKK bekannte sich am Sonntag zu einem Anschlag, bei dem zwei türkische Soldaten getötet wurden. Zuvor hatte sie sich bereits zur Tötung zweier Polizisten bekannt, die dem IS nahegestanden haben sollen.

Im Kampf gegen die Terrormiliz arbeitet die Türkei bereits eng mit den USA zusammen. Vor dem Nato-Treffen haben beide Länder weitere Schritte verabredet. Ziel sei es, entlang der syrischen Grenze eine IS-freie Zone zu schaffen, die größere Sicherheit und Stabilität garantiere, sagte ein hoher US-Beamter, der sich mit US-Präsident Barack Obama auf Staatsbesuch in Äthiopien befand. Eine Flugverbotszone, wie sie die Türkei seit Längerem fordert, werde es aber nicht geben, sagte der US-Beamte weiter.

Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoğlu hatte bei einem Gespräch mit Journalisten am Wochenende betont, beide Länder wollten keine Bodentruppen in Syrien einsetzen. Sie hätten aber darin übereingestimmt, gemäßigten syrischen Kämpfern Luftunterstützung zu bieten, zitierte die türkische Zeitung Hürriyet Davutoğlu.

Berichte, wonach das türkische Militär Fahrzeuge der syrischen Kurdenmiliz YPG im syrischen Dorf Til Findire östlich von Kobane beschossen haben soll, wies ein Regierungsbeamter in Ankara indirekt zurück. Ziel der Militäreinsätze seien nur der IS in Syrien und die PKK im Irak.