Ein heißer Sommerabend in Diyarbakır, wenige Wochen nach den Parlamentswahlen. "Kann ich dir deinen Wein wegnehmen?" Der Kellner guckt halb verschämt, halb drängend auf das halb volle Glas armenischen Rotweins. "Äh, warum?" Der Kellner, ein Kurde um die 40, wird nervös. "Wir haben einen Anruf bekommen. Das türkische Militär kommt gleich." Das türkische Militär? Es ist offensichtlich: Das kleine Café im Zentrum Diyarbakırs hat keine Lizenz, Alkohol auszuschenken. Wie die meisten hier. Nun erfolgt eine Razzia. Aber gleich das Militär wegen ein paar Flaschen Alkohol schicken? Fahrig verstecken die drei Kellner Bier- und Weinflaschen und stellen den wenigen Gästen Tee auf die Holztische. Angespanntes Warten. Nach zehn Minuten bellen die Hunde, grelles Scheinwerferlicht fällt in den kleinen Innenhof und aus den Büschen kommt im Laufschritt eine Gruppe von etwa 25 Männern durch den Hintereingang ins Café – mit Maschinengewehren in der Hand. Niemand trägt eine Polizeiuniform, nur ein paar der älteren Beamten haben ein Band um die Schulter mit der Aufschrift POLIS, an einigen Gürteln baumeln Schlagstöcke. Vier Polizisten steuern auf unseren Tisch zu, halten ihre geladenen Gewehre auf Augenhöhe und brüllen: "Ausweis!" Nach drei Sekunden rufen sie mit Nachdruck: "Polizei!" Sie starren auf die Ausweise und die Aufenthaltsgenehmigungen und wühlen in der halb fertig gedrehten Zigarette nach Marihuana und finden nichts. Sie leuchten noch mit der Taschenlampe einmal kurz über jede Wand und unter einen Tisch. Sieht so eine Alkoholkontrolle aus? Die Truppe hastet so schnell davon, wie sie gekommen war.

Was die vermeintliche Alkoholkontrolle zeigt: Die Lage in der kurdischen Stadt Diyarbakır hat sich verschärft. Kurz vor der türkischen Parlamentswahl Anfang Juni explodierte hier ein Bombe auf einer Kundgebung der pro-kurdischen HDP, kurz nach der Wahl kam es in der Stadt zu Straßenschlachten. In dieser Woche ist die nächste Bombe explodiert, im 200 Kilometer entfernten Suruç. Der Anschlag wird der Terrorgruppe "Islamischer Staat" zugeschrieben. Als Vergeltung tötete die kurdische PKK zwei Polizisten, die mit dem IS kooperiert haben sollen.

Jetzt ist der Krieg also in der Türkei angekommen. Das ist die Reaktion vieler Medien und Politiker innerhalb und außerhalb des Landes auf den Terroranschlag in Suruç. 32 junge Menschen, Studenten aus dem ganzen Land, sind gestorben und mehr als hundert wurden verletzt, einige davon schwer. 300 Anhänger der SGDF (Föderation der Sozialistischen Jungendvereine) waren an die Ostgrenze der Türkei gereist, um beim Wiederaufbau Kobanis mitzuhelfen. Die kurdische Stadt in Syrien wurde im Krieg gegen die IS-Terroristen vollständig zerstört. Die jungen Aktivisten wollten Spielsachen nach Kobani bringen, einen Wald pflanzen, eine Bücherei und einen Spielplatz aufbauen. Sie hatten romantische Ideen für die Stadt, die den Kurden und Sozialisten in der Türkei so viel bedeutet.

Der mutmaßliche Selbstmordattentäter gilt als Anhänger der Terrorgruppe. Er soll Anhänger des IS sein, der in Syrien ausgebildet wurde und dort auch gekämpft hat. Offenbar wurde er wieder über die Grenze geschickt, um sich vor dem Kulturzentrum von Suruç in die Luft zu sprengen. Es ist der erste große IS-Anschlag auf türkischem Boden. Die Regierung reagierte entsprechend alarmiert. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu und viele Minister und Abgeordnete der regierenden AKP verurteilten den Anschlag und versprachen, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Der Gouverneur von Şanlıurfa verhängte ein Verbot für Proteste und Pressestatements.

Zugleich gingen nach dem Attentat Regierungsgegner auf die Straße. Sie geben der Regierung zumindest eine Mitschuld an dem Massaker. In Istanbul und auch in Suruç feuerte die Polizei mit Tränengas auf die Demonstranten, die "Mörder Erdoğan" skandierten. Seit Jahren kritisieren Gegner der AKP deren Politik im syrischen Bürgerkrieg. Besonders dem ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan werfen sie vor, er habe nichts unternommen, um islamistische Kämpfer daran zu hindern, über die türkische Grenze nach Syrien zu gelangen und sich dort zu einem militärisch, finanziell und ideologisch erfolgreichen Para-Staat zu formieren.

Viele Oppositionelle beschuldigen die Regierung, den IS nicht nur indirekt, sondern auch mit Waffen, Logistik und finanziellen Mitteln zu unterstützen. Bewiesen ist das nicht. Die Milizen des IS bekämpfen in Syrien aber die zwei ärgsten Feinde Erdoğans: die Kurden und das Assad-Regime.

Stille Hilfe für IS-Kämpfer

Wird die Regierung ihre Politik nun ändern, nachdem der IS erstmals einen so massiven Anschlag auf türkischem Boden verübt hat? Wird sie unterbinden, dass IS-Kämpfer in manchen Grenzstädten immer noch offen herumlaufen, mit Öl und Gold handeln und sich medizinisch behandeln lassen? Der Geheimdienst soll die Sicherheitskräfte vor geplanten Anschlägen des IS in der Türkei gewarnt haben. Nach Angaben der regierungsnahen Zeitung Hürriyet verhaftete die Polizei daraufhin in mehreren Razzien in Istanbul, Konya, Izmir und anderen Städten Dutzende IS-Anhänger. Einige Beobachter interpretieren das Attentat als mögliche Reaktion auf die Verhaftungen.

Murat Aba glaubt nicht daran, dass die Regierung ihren Kurs ändern wird. Er ist Kurde, lebt in Diyarbakır und kommt gerade von einer Kundgebung. Er ist wütend, sehr wütend. Seine Wut ist stärker als die Trauer. "Die Reden von Erdoğan und Davutoğlu klingen so scheinheilig für mich", sagt er. Es sei kein Zufall, dass ausgerechnet Kurden und linke Regierungskritiker ermordet wurden. "Genau diese beiden Gruppen sind seit jeher Ziel der Regierung." Für Aba ist der Staat schuld an dem Anschlag. Suruç stehe seit mehr als einem Jahr, seit der Belagerung von Kobani, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Hunderttausende Flüchtlinge leben dort, sowohl PKK-nahe Kämpfer als auch IS-Mitglieder hielten sich nahe der Stadt auf. "In Suruç ist so viel Militär stationiert und der Geheimdienst ist überall", sagt er. "Wenn diese Staatsorgane nicht alle die Augen verschließen, ist ein derart gut organisierter Anschlag nicht möglich."