Die Mittagshitze flimmert über den mit Müll übersäten Gleisen in Gevgelija. Der gelbe Putz bröckelt von den Wänden des abgetakelten Bahnhofs in der südmazedonischen Grenzstadt. Im Schatten der umliegenden Lagerschuppen suchen Hunderte erschöpfte Menschen eine kleine Atempause vor der nächsten Etappe der sogenannten Balkanroute auf ihrer langen Reise nach Mitteleuropa.

Wegen des Kriegs in seiner syrischen Heimat hat sich der 25jährige Shiyar bereits vor zwei Jahren aus seiner Geburtsstadt Afrin auf den Weg in ein sicheres Leben gemacht: "In meiner Stadt gibt es nichts mehr, kein Leben, kein Brot, nur Waffen." In der Türkei versagten gierige Arbeitgeber dem Flüchtling den Lohn. Und bei der 1.000 Dollar teuren Überfahrt nach Griechenland kenterte das überfüllte Schlepper-Boot. "Überall ist Mafia, wohin du auch kommst, du musst bezahlen", sagt der Englisch-Student mit müdem Blick.

Doch zumindest an Mazedoniens Grenze zu Griechenland werden die Flüchtlinge nicht mehr von Schleppern geschröpft. Drei Kilometer vom Bahnhof entfernt winkt ein schwitzender Grenzbeamter die Flüchtlinge in Gruppen von jeweils 50 Menschen achtlos durch das staubige Niemandsland. "Früher war Mazedonien für Flüchtlinge die schlimmste, nun die leichteste Etappe", sagt in der 160 Kilometer entfernten Hauptstadt Skopje Jasmin Redzepi, Mitbegründer der Hilfsorganisation Legis: "Die meisten Flüchtlinge verbleiben mittlerweile keine zwölf Stunden mehr im Land."

In wenigen Stunden durch das Land

Tatsächlich galt die nur 180 Kilometer kurze Transit-Strecke durch Mazedonien für Migranten als eine der mühseligsten Abschnitte auf der Balkanroute. Nicht nur geldgierige Schlepper, brutale Straßenräuber, prügelnde Polizisten und geschlossene Internierungslager, die eher Strafcamps als Hilfseinrichtungen glichen, machten die Passage zu einem riskanten Unternehmen. Bei ihren qualvollen Fußmärschen auf den Gleisen der Bahnlinie in Richtung nach Norden zur serbischen Grenze wurden mehrmals Flüchtlinge in den kurvenreichen Bahnböschungen von Zügen tödlich erfasst: Zuletzt kamen im April bei Veles 14 Flüchtlinge auf den Bahnschwellen ums Leben.

Die entsetzten Reaktionen der Öffentlichkeit, aber auch die rasch steigenden Flüchtlingszahlen zwangen schließlich auch die Regierung in Skopje zum Handeln. Erst wurde den illegalen Immigranten der Marsch auf den Schienen verboten und der über die Landstraßen genehmigt. Dann kam Skopje der Forderung der Hilfsorganisationen nach einer Legalisierung des Status der Migranten nach, um sie dem Zugriff der Schlepper und Kriminellen zu entziehen: Kurz nachdem Ungarn die Errichtung eines Zauns an der Grenze zu Serbien zur erhofften Abschottung von den Flüchtlingen angekündigt hatte, verabschiedete Mazedoniens Parlament am 19. Juni ein neues Asylgesetz zur faktisch kompletten Öffnung der Grenzen. Statt tage- oder wochenlang zu Fuß über Mazedoniens Schienen zu stolpern, rumpeln die Flüchtlinge nun per Zug in wenigen Stunden durch das Land.

"Hello my friend" – in brüchigem Englisch bieten Straßenhändler in Gevgelija den ermatteten Durchreisenden Getränke, Zigaretten, Telefonkarten und Strom zum Aufladen ihrer Handys an. Mehrsprachige Informationsplakate des Roten Kreuzes weisen den Flüchtlingen derweil den Weg zum Schnelltransit – und zur Polizeistation. In einer langen Reihe harren sie auf den Erhalt der Bestätigung, der ihnen als Asylsuchenden eine Frist von 72 Stunden setzt, um sich bei einer Asylbehörde zu melden – oder das Land zu verlassen. Rund 32.000 Bestätigungen sind laut Auskunft des Innenministeriums in den letzten beiden Monaten ausgestellt worden – im Durchschnitt 600 am Tag. Jasmin Redzepi schätzt die tatsächliche Zahl der Menschen, die in Gevgelija die täglich mittlerweile sechs Züge nach Norden besteigen, auf mindestens dreimal so hoch – in den letzten Tagen kletterte deren Zahl gar auf 2.000 pro Tag: "Die Polizei kann den Andrang nicht bewältigen."

Skopje weist Kritik zurück

Die Erfahrungen mit dem neuen Asylgesetz seien "positiv", versichert in Skopje dennoch Ivo Kotevski, der Sprecher des mazedonischen Innenministeriums. In zwei Monaten sei es zu keinem Unfall mehr gekommen, die Anzeigen wegen illegalen Menschenhandels auf "praktisch null" gesunken: "Die Schlepper haben kein Business mehr." Die in der EU laut gewordene Kritik an der gelockerten Grenzpolitik beeindruckt ihn kaum. Denn das Flüchtlingsproblem werde aus Griechenland und damit der EU nach Mazedonien "importiert": "Es ist absurd zu fordern, dass wir die EU-Schengengrenze von außen schützen, wenn dies von innen nicht erfolgt."