Die Berichterstattung über den Krieg des selbst ernannten "Islamischen Staats" (IS) gegen den Irak und Syrien ist hierzulande stark vom Blick auf die politische Instabilität und geostrategische Konstellationen geprägt. Militärische Lösungen dominieren die Diskussionen. Die langfristige Traumatisierung der Zivilbevölkerung gerät darüber leicht in Vergessenheit.

Aber es ist vor allem die Zivilbevölkerung, die durch die Angriffe des IS bedroht wird. Hinzu kommen langfristige psychosoziale Folgen, wie sie durch Vertreibung, Vergewaltigung und physische Angriffe verursacht werden.

Der Irak etwa ist seit Jahrzehnten mit einer massiven Gewalt konfrontiert, die nicht abzuebben scheint: die Kriege mit dem Nachbarland Iran in den 1980er Jahren, der US-Angriff in Folge der Besetzung von Kuwait durch Truppen Saddam Husseins und die US-Invasion seit 2003. Das Erscheinen des "Islamischen Staats" ist nur der aktuelle Höhepunkt der Gewalt. Seit mehr als einem Jahr überzieht die Terrorgruppe den Irak und das Nachbarland Syrien mit einer beispiellosen Kampagne der Gewalt und lenkt die weltweite Aufmerksamkeit auf die Region.

Gewalt hinterlässt Spuren in der Gesellschaft

Ergebnis der neuesten Entwicklungen sind massive Vertreibungen, Entführungen, eine weit verbreitete Traumatisierung der Bevölkerung, Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie materielle Zerstörungen in den Gebieten, die vom "Islamischen Staat" angegriffen oder besetzt wurden.

Die Region Kurdistan, die Zufluchtsstätte vieler Vertriebener, ist selbst seit Jahrzehnten Gewaltexzessen unterworfen. Traurige Höhepunkte waren etwa die Anfal-Kampagne des ehemaligen Diktators Saddam Hussein, der Ende der 1980er Jahre im Zuge einer Strafaktion Zehntausende vor allem kurdische Zivilisten zum Opfer fielen, und der Giftgasangriff auf die Kleinstadt Halabdscha im Jahre 1988 mit 5.000 Toten in nur wenigen Tagen.

Wo Menschen solch massive Gewalt erleben, hinterlässt das auch Jahre nach einem beendeten Konflikt noch Spuren in der Gesellschaft. Zu ihnen gehören schwere Traumata, die sich vielfach in Angst, Wut, Depressionen oder Schlaflosigkeit manifestieren. Die psychischen Störungen einer Vielzahl von Menschen beeinflussen das soziale Gefüge einer Gesellschaft nachhaltig. Auch diese langfristigen Effekte des Kriegs muss die internationale Gemeinschaft bei ihrer Suche nach Frieden und Stabilität im Irak berücksichtigen. Der Frieden manifestiert sich nicht nur in der Schaffung demokratischer Institutionen, dem Abhalten von Wahlen, passierbaren Straßen und einer funktionierenden Energieversorgung. Diese sind zweifelsohne wichtige Elemente. Aber darüber hinaus müssen Traumata aufgearbeitet werden, um ein erneutes Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit zu ermöglichen, um zukünftigen Terrorgruppen oder Milizen auf der Suche nach Rache den Boden zu entziehen.

Die Probleme von morgen für den Westen

Nach wie vor ist die internationale Gemeinschaft – in diesem Fall die arabischen Nachbarländer mit ihren verschiedenen Interessen sowie die westlichen Staaten – weit davon entfernt, für die gebeutelte Region einen Plan zur Befriedung, zur staatlichen Konsolidierung und Versöhnung auch nur anzustreben. Aufgrund der historischen Verbindungen mit der Region trägt sie jedoch zumindest eine Mitverantwortung für das Geschehen. Einen solchen Plan bräuchte es dringend, denn die aktuellen Terrorkampagnen, die Flüchtlingsbewegungen und Gewaltexzesse sind – wie das Beispiel Irak zeigt – die Probleme von morgen für den Westen. Der deutsche Export von Militärmaterial ist in diesem Zusammenhang sicherlich keine gute Investition in die Zukunft. Bei aller gegebenen Notwendigkeit, terroristische Gruppen auch militärisch zu bekämpfen, sollte das "Danach" einer von Gewalt gezeichneten Gesellschaft unbedingt Teil eines weitreichenden Plans zur Konsolidierung sein.

Einzelne beispielhafte Initiativen gibt es bereits. Dazu gehört die Vereinigung Jiyan, die 2005 gegründet wurde und als erste Organisation dieser Art Folteropfer im Irak unterstützt und ihnen psychologische Hilfe anbietet. Jiyan betreut Menschen aller ethnischer und religiöser Gruppen und macht sich für die Rechte von Frauen und Kindern stark. In Deutschland arbeitet die Gruppe mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (BZFO) zusammen. Auch die christliche Organisation Wings of Hope arbeitet bei der Traumabewältigung eng mit Jiyan zusammen und bildet etwa vor Ort einheimische Fachkräfte fort. Diese und ähnliche Anstrengungen verdienen die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Öffentlichkeit sowie der politischen Entscheidungsträger.

Extremismus - Ein Jahr IS-Herrschaft Seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" vor einem Jahr ihr "Kalifat" in Syrien und im Irak ausgerufen hat, sind Millionen Menschen geflohen: Die IS-Extremisten herrschen mit eiserner Faust und schrecken auch vor öffentlichen Hinrichtungen, Seit die Seit die Terrormiliz Islamischer Staat vor einem Jahr ihr "Kalifat" in Syrien und im Irak ausgerufen hat, sind Millionen Menschen geflohen. Immer wieder gibt es öffentliche Hinrichtungen, Misshandlungen und Entführungen.