Als Steven Harper im Februar 2006 sein Amt als Premierminister antrat, rechnete kaum jemand mit dem Beginn einer neuen Ära. Nach gerade zwei Jahren als Chef der Konservativen Partei stand er an der Spitze einer wackeligen Minderheitsregierung mit dem geringsten parlamentarischen Rückhalt seit der Gründung des kanadischen Bundesstaates.

Heute, nach neun Jahren Harper und vor den angesetzten Parlamentswahlen im Oktober ist klar, dass der evangelikale Christ aus der Rodeo-Hauptstadt Calgary nicht nur von vielen unterschätzt wurde, sondern das Bild Kanadas als globaler Musterschüler in Sachen Friedenspolitik, Wohlfahrt und Umweltschutz wie kaum ein anderer umgestaltet hat.

Sicher: Auch heute noch setzt das Land im Gegensatz zu seinem südlichen Nachbarn auf öffentliche Gesundheitsversorgung, ein hervorragendes Bildungssystem und Multikulturalismus statt auf frei verfügbare Schusswaffen. Doch kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kanada heute konservativer, nationalistischer und außenpolitisch polarisierender auftritt als je zuvor.

Eine treibende Kraft dieser Entwicklung: Der Ölboom im Nordwesten des Landes. Die kanadische Provinz Alberta ist nicht nur Heimat der Harpers, sondern beherbergt die drittgrößten Petroleumreserven der Welt. Harper selbst begann seine Karriere im Ölgeschäft des kanadischen Westens. So verwunderte es kaum, dass er als Regierungschef auf den massiven Abbau dieser Ressource setzte: Beseitigung störender Umweltstandards und Steuergeschenke für Ölmultis inklusive. 

Krieg gegen die Wissenschaft

Dabei kam nicht nur der Klimaschutz, sondern auch transparentes Regierungshandeln unter die Räder. So kündigte Ottawa im Dezember 2011 das Kyoto-Abkommen – für Harper eine wirtschaftsschädigende "sozialistische Verschwörung". Staatliche Forschungszentren zum Klimawandel wurden geschlossen, kritische Umweltorganisationen mussten mit plötzlichen Steuerprüfungen rechnen, warnenden Stimmen im Umweltministerium wurde ein Maulkorb verpasst – allen Protesten internationaler Wissenschaftler zum Trotz. Für die New York Times ein anhaltender "Krieg Harpers gegen die Wissenschaft".

Dabei wusste der Regierungschef die Öffentlichkeit in Sachen Ölförderung mehrheitlich hinter sich. Kaum verwunderlich angesichts der Profite. Monatlich spülte der Abbau Millionen in die Kassen der Bundes- und Provinzregierung und bescherte Westkanada einen beispiellosen Wirtschafts- und Beschäftigungsboom. Der erinnerte nicht nur an die Zeiten des Goldrausches am Yukon, sondern machte sich auch an den Wahlurnen bemerkbar: 2008 zunächst mit einem bescheidenen Ausbau der konservativen Parlamentssitze und 2011 mit einen deutlichen Mehrheitssieg Harpers.

Das Ende des Booms

Ausgerechnet das Öl droht Harper nun zum Verhängnis zu werden. Die weltweit fallenden Preise machen Neuerschließungen in Kanada zunehmend unrentabel – mit gravierenden ökonomischen Folgen: Das Land steckt seit zwei Quartalen in der Rezession.

Nun droht sich zu rächen, dass der Regierungschef seine Aufmerksamkeit statt auf eine Diversifizierung der Wirtschaft augenscheinlich lieber auf ideologische Symbolprojekte richtete. So schloss er 2012 die kanadische Botschaft in Teheran und verwies den iranischen Botschafter in Ottawa des Landes – vier Monate nach Aufnahme der internationalen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm in Istanbul. Ein Jahr später verkündete Harper öffentlichkeitswirksam einen "Krieg gegen die Kriminalität". Neben einer Verschärfung von Strafgesetzen verordnete er dem Land einen massiven Ausbau staatlicher Haftanstalten – trotz rückläufiger Kriminalitätsraten.