Wieder einmal ist Österreich eine gespaltene Republik: Bei einem Teil der Bevölkerung und bei humanitären Organisationen ist das Entsetzen groß. Am Montagabend sollen im ganzen Land die Kirchenglocken läuten im Gedenken an die 71 erstickten Flüchtlinge, die am Donnerstag in einem Kühllaster in einer Pannenbucht nahe des burgenländischen Parndorf gefunden wurden.

Fast alle NGOs fordern nun unisono, sowohl die österreichische Regierung als auch die Mitglieder der Europäischen Union müssten rasch ihre Politik im Umgang mit Asylsuchenden ändern. Öffentliche Kondolenzbekundungen sind zu einem Pflichtritual geworden. Die Medien sind voll mit Appellen und betroffenen Texten. Es scheint, als würde in der Öffentlichkeit kein anderes Thema mehr eine größere Rolle spielen.

Auch viele Leser des großen Boulevardblattes Kronen Zeitung waren entsetzt, als sie am Tag nach dem grausigen Fund in der Morgenausgabe eine Foto fanden, auf dem unverpixelt das Innere der 14 Quadratmeter großen Ladefläche zu sehen war. "Boulevard pervers" titelte der deutsche Branchendienst Meedia. Jetzt ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft, weil das Bild dem Revolverblatt aus Polizeikreisen zugespielt worden war.

Volle Shoppingcenter

Unweit des Fundortes breitet sich das stets gut besuchte Outletcenter Parndorf auf dem platten Land aus. Am Donnerstagabend fand dort das jährliche Latenight-Shopping-Event statt. Der Andrang war wie stets gewaltig. Die Katastrophe würde die Kundschaft kaum berühren, erzählte eine Verkäuferin der Tageszeitung Kurier: "Die sind einfach im Kaufrausch." 

Hätte ihr nicht ihr Freund am Telefon von der Flüchtlingskatastrophe berichtet, hätte sie wahrscheinlich gar nichts davon mitbekommen, sagt eine junge Frau, die von weit her angereist war: "Das hier ist ja schon irgendwie eine Parallelwelt." Und die ist überfüllt.

Rigorose Abschiebepraxis

Der Fund der Flüchtlingsleichen polarisiert nicht nur die Bevölkerung. Vor allem die Politik reagiert völlig unterschiedlich. Die rechtspopulistische FPÖ, die seit jeher eine rigorose Abschiebepraxis und scharfe Grenzkontrollen fordert, scheint von der Tragödie wenig beeindruckt. Sie befindet sich derzeit in zwei bevölkerungsreichen Bundesländern im Wahlkampf und ändert bei Veranstaltungen ihren gewohnt hetzerischen Ton kein bisschen. 

Dafür sieht die Partei auch gar keinen Grund. Alle Prognosen prophezeien den Freiheitlichen gewaltige Zuwächse. Sie profitieren vor allem von der seit Monaten anhaltenden Ohnmacht der beiden Regierungsparteien angesichts der Flüchtlingsproblematik. 

Chaos in den Flüchtlingslagern

Die Einwanderungsgegner haben den Vorteil, selbst gar keine praktikablen Vorschläge machen zu müssen. Immer mehr Wähler vertrauen offensichtlich ihren einfachen Antworten, obwohl sie samt und sonders völlig realitätsfern sind. Ebenso wie das Chaos in den Flüchtlingslagern, dürften auch die Toten in dem Kühllaster wie eine Wahlkampflokomotive wirken. Über alle Parteigrenzen ist sich die Politik nur darin einig, dass Schlepper wie Staatsfeinde erster Güte zu behandeln seien und die entsprechenden Gesetze drakonisch verschärft gehörten.

Einen "Weckruf" nannte hingegen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von der ÖVP ein wenig unpassend die schockierende Entdeckung. Bei ihren öffentlichen Auftritten bemüht sie sich, den Eindruck einer tief Betroffenen zu erwecken, einer Frau, der der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. An ihren politischen Lösungsvorstellungen hat sich allerdings wenig geändert. Weiterhin glaubt sie das, Problem dadurch lösen zu können, dass Anlaufzentren in Krisengebieten, die vom UNHCR, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, betrieben werden, aus der Masse der Asylsuchenden jene heraussieben, deren Chancen, dass ihr Gesuch anerkannt wird, sehr hoch sind. 

Kuriose Ideen

Diese Flüchtlinge könnten dann – natürlich auf ganz Europa verteilt – ganz legal und gefahrlos in den Kontinent der Hoffnung einreisen. Auf die Idee, dass Abgewiesene ihre Reise dann eben weiterhin mit der traditionellen Schlepperhilfe versuchen werden, scheint die Ministerin erst gar nicht zu kommen.

Österreichische Regierungspolitiker scheinen überhaupt einen ausgeprägten Sinn für kuriose Ideen zu besitzen. Der junge Außenminister Sebastian Kurz meinte etwa, die EU solle – auch mit Bodentruppen – den syrischen Bürgerkrieg befrieden. Der neutrale Kleinstaat könne dazu ja einen Beitrag leisten, indem er Schutzwesten in die Kampfgebiete liefere. Und der Bundeskanzler Werner Faymann will jenen EU-Mitgliedern, die sich einer verpflichtenden Verteilungsquote für die Flüchtlinge verweigern, damit drohen, dass der Nettozahler Österreich seine Förderung für diese Länder einstellt.

Daheim eine dicke Lippe

Insgeheim wissen aber alle, dass der EU-Zwerg Österreich aus eigener Kraft fast nichts bewirken kann, selbst wenn er mit Engelszungen für ein europaweites Lösungsmodell des Flüchtlingsproblems werben würde – und mit derart auftrumpfenden Tönen geht schon gar nichts. Deshalb dämmert den Politikern, dass sie auf fremde Hilfe, vor allem auf jene von Angela Merkel, angewiesen sind, wenn sie auch nur einen Bruchteil ihrer Forderungen verwirklicht sehen wollen. Aber daheim die dicke Lippe zu führen, gehört zur Grundausstattung eines österreichischen Regierungsmitgliedes.

Jetzt liege Österreich mit einem Mal am Mittelmeer, meinte der Generalsekretär der katholischen Hilfsorganisation Caritas. Seine Befürchtung: Ähnlich der italienischen Bevölkerung, die sich langsam damit abgefunden hat, dass vor ihren Küsten seit Jahren Menschen massenhaft im Meer ertrinken, so könnte eines nahen Tages auch in Österreich die derzeit herrschende Betroffenheit wieder der alten Gleichgültig weichen. Im Burgenland war schon einmal ein besonders grausiger Fund gemacht worden. Vor über 20 Jahren wurde eine Gruppe toter Tamilen entdeckt, die Schlepper einfach in den Straßengraben geworfen hatten. Heute kann sich kaum jemand erinnern.