Ihre Waffen sind die Berge

Die tägliche Routine der PKK-Kämpfer in den Kandil-Bergen ist hart: Um 4 Uhr in der früh ist die Nacht vorbei. Eine Stunde marschieren sie dann, bevor es zurück in ihr Hauptquartier geht. Nach dem Frühstück lernen und trainieren die oft jungen Frauen und Männer. Einer übt mit einem Maschinengewehr: "Mit einer Waffe umgehen zu können, ist wichtig, um sich selbst zu verteidigen, haben sie uns gesagt – aber unsere echten Waffen sind diese Berge."

Hier im irakischen Kurdistan, an der Grenze zum Iran, liegt Wasan. Es sind gerade einmal 50 Häuser, aber das Dorf liegt mitten in einer Region voller Geschichte: Alle kurdischen Revolutionen sind von diesen Bergen ausgegangen. Heute sind sie die Festung der PKK-Milizen, die sich aus der Türkei zurückgezogen haben. Den Waffenstillstand mit der türkischen Regierung gibt es nicht mehr, Ankara lässt wieder Luftangriffe gegen die kurdische Guerilla fliegen. "Bis jetzt haben wir neun Opfer gezählt", sagt Zagros Hiwa, der hier für die PKK spricht, "während weiterhin 130 türkische F-16-Maschinen 500 sensible Ziele in den Kandil-Bergen überfliegen".

Alles begann am 20. Juli in Suruç, einem kurdischen Dorf an der türkisch-syrischen Grenze. Ein Selbstmordattentäter des "Islamischen Staats" (IS) tötete dort 32 Jugendliche einer freiwilligen Expedition zum Wiederaufbau von Kobane, jener kurdischen Enklave auf syrischer Seite, die vom Krieg gegen den (IS) zerstört worden war. Die PKK reagierte mit Gewalt und beschuldigte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan; als "Verbündeter des IS" sei er verantwortlich für das Massaker.

Das Kandil-Gebirge im Nordirak

Die türkische Regierung antwortete drei Tage später mit dem, was sie "Kampf gegen den Terrorismus" nennt: Sie ließ einerseits IS-Stellungen in Nordsyrien bombardieren und gestattete den USA – vorerst mündlich –, für ihren Kampf gegen die Dschihadisten die türkische Nato-Basis Incirlik zu nutzen. Aber auch die Kurden wurden zum Ziel der neuen Offensive. "Die Türkei ist nicht ein Mal über die Grenze nach Syrien geflogen", behauptet Hiwa, "und die Bombardements gegen den IS sind nichts anderes als eine Ausrede, um den neuen Krieg gegen die PKK zu legitimieren."

In Wasan, wo die PKK und ihre Anführer im Exil seit dem Jahr 2000 das nahezu unbegrenzte Vertrauen und die Unterstützung der Bevölkerung genossen, ist der 29-jährige Wiria Bürgermeister. Erst vor Kurzem hat er an der türkischen Universität von Van seinen Abschluss in islamischem Recht gemacht. Dafür untersuchte er die Bücher des IS-Kalifen Abubakr al-Bagdadi und die Rundfunk- und Fernsehansprachen der fundamentalistischen Mullahs. Trotz seiner jungen Jahre weiß er nur zu gut, welche tragende Rolle das Dorf in der kurdischen Revolution der siebziger Jahre gespielt hat: "1974, nach dem Scheitern der Unabhängigkeitsverhandlungen mit Bagdad, hat Mullah Mustafa Barsani, der Vater des jetzigen Präsidenten der irakischen Kurdengebiete, Masud Barsani, den Kampf gegen das Regime Saddam Husseins von hier aus geleitet. Einige Jahre später, auch in Wasan, organisierte der ehemalige irakische Premierminister Jalal Talabani den bewaffneten Widerstand und gründete das erste Militärcamp in der Geschichte des irakischen Kurdistans." Heute markiert ein PKK-Checkpoint den Eingang zum Dorf.

Innenpolitik, nicht Terrorismus, ist das Problem

Wiria, der junge Bürgermeister von Wasan, vor seinem Haus mit seiner Frau Swan und ihrer Tochter Par Wa © Linda Dorigo

Wasan ist eigentlich ein Paradies. Die Menschen, die hier leben, fühlen sich immer wie auf Reisen, so schön sei die Natur, sagen sie. Im Tal müssen sie keine Angst haben, "die Flugzeuge konzentrieren sich auf die Gipfel der Berge, und oft fliegen sie vorbei, ohne anzugreifen", sagt Hawla, dessen Sohn Kamaran in einem Nachbardorf als Lehrer arbeitet. Beide glauben nicht, dass ihr Haus bombardiert werden könnte, trotz der ständigen türkischen Aufklärungsflüge und obwohl nur wenige Kilometer entfernt die Raketen eingeschlagen sind, bleiben sie ruhig. Der 21-jährige Schüler Hassan ist sich sicher: "Sie haben es nicht auf die Zivilisten abgesehen, ihr wahres Ziel ist die Guerilla." Und die ziehe sich eben immer tiefer in die Berge zurück, um nicht ausfindig gemacht zu werden. Doch wo es höher hinaufgeht, treffen die Angriffe auch die Schäfer und Bauern in der Gegend hart: "Tiere wurden getötet, und Hektare an Land sind verbrannt", sagt PKK-Sprecher Hiwa.

© Linda Dorigo

Seit Juni 2014 stemmen sich Kurden-Milizen gegen den Vormarsch des "Islamischen Staats" in den westlichen Provinzen des Iraks und um Kobane in Syrien, im Sindschar-Gebirge verteidigen sie die Jesiden, dabei brechen regelmäßig auch PKK-Kämpfer von den Kandil-Bergen aus in die Schlacht auf. Für ihren Sprecher Zagros Hiwa ist das alles nur noch Nebensache, er nennt die Offensive gegen die Kurden einen Putsch und sagt: "Dies ist die letzte Chance für Erdoğan, den Zustand des Parlaments wiederherzustellen, wie er vor der Wahl war und die HDP aus dem Weg zu räumen." Der Erfolg der kurdischen Partei bei der Wahl in der Türkei im Juni ist eine Bedrohung für die Macht der immer noch übergangsweise regierenden AKP. Die meisten hier in den Bergen sind sich deshalb einig, dass es bei den Angriffen um Innenpolitik geht, nicht um Terrorismus.

"Die HDP hat es gewagt, sich zu erheben, also schafft Erdoğan eine Situation, in der die PKK als Synonym des IS gesehen wird, als der internationale Feind, den man bekämpfen muss", meint der Lehrer Kamaran. Es gehe darum, die Kurden in der Türkei und insbesondere die HDP zu provozieren und zu diskreditieren, sagen viele hier. Wäre das Ziel allein die PKK, glaubt der junge Hassan, sähen die Angriffe anders aus: "Sie ist viel schwächer als das türkische Militär, wenn sie das wirklich wollten, könnten sie sie einfach töten." Wenn da nicht die Berge wären.

Übersetzung aus dem Italienischen: Jana Friese