Die massiven türkischen Luftangriffe drohen zu einer endgültigen Spaltung des kurdischen Lagers zu führen. Der Präsident der autonomen kurdischen Region im Nordirak, Massud Barsani, forderte die aus der Türkei stammenden Rebellen der kurdischen Arbeiterpartei PKK auf, aus ihren Stellungen im Nordwestirak abzuziehen.

Die PKK "sollte ihre Kämpfer aus der kurdischen (Autonomie-)Region zurückziehen, um sicherzustellen, dass Zivilisten Kurdistans nicht Opfer dieses Kampfes und Konflikts werden", hieß es in einer von Barsanis Büro veröffentlichten Erklärung. Die Türkei kritisierte er wegen der Luftangriffe, die bereits die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen haben. Barsani forderte Ankara und die PKK auf, die Friedensgespräche wieder aufzunehmen.  

Auch Nato-Partner riefen Ankara auf, den Friedensprozess mit den Kurden wieder aufzunehmen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, die türkische Regierung sollte nicht die Brücken zu den Kurden niederreißen, die in den vergangenen Jahren so mühsam aufgebaut worden seien.

Die türkische Armee setzt unterdessen ihre Angriffe auf Stellungen der Kurdenorganisation PKK fort. Dabei bombardierte die Luftwaffe offenbar auch ein Dorf im Nordirak. Sechs Menschen wurden bei dem Angriff getötet, darunter nach Angaben eines Arztes auch zwei Frauen. Ob es sich bei den anderen Opfern um Mitglieder der PKK handelt, blieb unklar. Laut der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zerstörten zuletzt 28 türkische Kampfjets 65 PKK-Ziele, darunter auch Waffenlager.     

Mindestens 260 kurdische Kämpfer getötet

Bei den seit einer Woche anhaltenden Luftangriffen der türkischen Streitkräfte auf Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sind nach Angaben von Anadolu rund 260 Kämpfer getötet worden. Hunderte Menschen wurden verletzt. Unter den Verletzten sei auch Nurettin Demirtaş, der Bruder des Vorsitzenden der türkischen Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtaş, berichtete die Agentur ohne Angaben von Quellen. Die türkische Armee veröffentlicht im Moment keine Zahlen über die Opfer der Angriffe. 

"Die mühsam erarbeitete Demokratie in der Türkei entwickelt sich zurück. Es wird von Tag zu Tag schlimmer", sagte Selahattin Demirtaş in einem Interview mit dem Spiegel. Der HDP-Chef macht kein Hehl daraus, dass sich sein Bruder den PKK-Kämpfern in den nordirakischen Kandil-Bergen anschloss. Dass er oder seine Partei selbst der PKK nahestehen, bestreitet er jedoch. Wiederholt distanzierte er sich von jeder Form der Gewalt, auch durch die PKK.

Die Türkei hatte vor rund einer Woche begonnen, Stellungen der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien zu bombardieren. Gleichzeitig aber griff sie nach dem Anschlag auf zwei türkische Polizisten auch Basen der verbotenen PKK an, die gegen den IS kämpft. Die türkische Regierung spricht von einem "Krieg gegen den Terrorismus". Seit den ersten Bombardierungen griff die türkische Luftwaffe den IS nur dreimal an, die PKK hingegen dutzende Male.

Gegen den HDP-Chef und die stellvertretende Vorsitzende Figen Yüksekdağ laufen derzeit in der Türkei Ermittlungen. Demirtaş spricht von "schmutziger Propaganda" des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan. Die HDP hatte bei den Parlamentswahlen im Juni mit 13 Prozent einen historischen Erfolg errungen und damit verhindert, dass Erdoğans islamisch-konservative AKP die absolute Mehrheit bekam.

IS-Kämpfer aus syrischer Stadt Hasaka vertrieben

Unterdessen haben nach wochenlangen Kämpfen kurdische Milizen und syrische Regierungstruppen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus der Stadt Hasaka im Nordosten Syriens vertrieben. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, dass die Armee den letzten IS-Stützpunkt in Hasaka übernommen und Dutzende Terroristen getötet habe. Hasaka liegt strategisch wichtig nahe den Grenzen zur Türkei und zum Irak.

Die in Syrien gegen den IS kämpfende kurdische Gruppe YPG warf der Türkei unterdessen vor, ihre Stellungen mindestens viermal beschossen zu haben. Zugleich forderte die YPG die USA auf, ihre Position zur Türkei zu klären. Im Kampf gegen den IS kooperiert die YPG mit den USA, die die Kurden mit Luftangriffen unterstützen.