Es ist, als hätte sich die Schweizer Armee ein sommerliches Unterhaltungsprogramm für die krisengeplagte Welt ausgedacht: Soldaten schöpfen mittels Helikopter Wasser aus einem See und fliegen es auf die Alp, um dort durstige Kühe zu retten. Die Tiere weiden in einem Schutzgebiet, das sie, wegen der garantierten Qualitätsstandards des Gruyère-Käses, nicht verlassen dürfen.   

Leider stammt das abgeschöpfte Wasser aus einem See in Frankreich, und die Nachbarn sind über den Diebstahl der 53.000 Liter Seewasser gar nicht erfreut. Diplomatische Krise, die Franzosen fordern Schadenersatz, schließlich ist es bei ihnen auch trocken. Der Blick spottet über die "Krise wegen durstigen Kühen", die Neue Zürcher Zeitung höhnt über den "Zwischenfall an der Westgrenze", der "Wasserklau in Frankreich" schafft es auch in den britischen Telegraph.

Kommentarschreiber denken laut darüber nach, was wohl passieren würde, wenn die deutsche Bundeswehr Wasser aus dem Schweizer Vierwaldstättersee holte. Generalmobilmachung! Dass die Schweizer Kühe das Importwasser nicht trinken mögen, weil es Algen enthält, spielt da schon kaum mehr eine Rolle.

Viel wichtiger: Was lernen wir aus dieser Kuhkrise, auf Twitter bekannt unter dem Hashtag #WATERgate?

Ein klarer Fall von SucceSuisse!

Die Antwort liegt, pünktlich zum Nationalfeiertag am 1. August, auf der Hand: Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell. Ein klarer Fall von SucceSuisse! Denn: Ein Land, in dem es statt durstiger Kinder durstige Kühe gibt, die von Katastrophenhilfebataillons sofort vor schlimmerem Unheil bewahrt werden, damit die Welt auch in Zukunft echten Gruyère-Käse genießen kann, ja, dieses Land muss alles richtig gemacht haben.

Im Kleinen zeigt sich, was für ein Paradebeispiel für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie die Schweiz ist. Das diplomatische Missgeschick mag auf den ersten Blick etwas chaotisch wirken, dieser Eindruck aber täuscht. Der Einsatz der Armee erfolgte, wie diese offiziell mitteilte, nach den Vorschriften der Verordnung über militärische Katastrophenhilfe im Inland (VmKI). Diese wurde gestützt auf Art. 150 Abs. 1 des Militärgesetztes (MG) erlassen und regelt, dass Katastrophenhilfe geleistet werden kann bei einem Ereignis, "dass so viele Schäden und Ausfälle verursacht, dass die Mittel und Möglichkeiten der betroffenen Gemeinschaft ausgeschöpft sind". Ausgeschöpft! Als hätte der Bundesrat die verdorrenden Kühe kommen sehen.

Franzosen, diese Opfer des Zentralismus

Natürlich entscheidet die Armee nicht selbst, wann diese Mittel und Möglichkeiten der betroffenen Gemeinschaft enden. Grundsätzlich müssen sich die Kantone, diese Kleinststaaten im Kleinstaat, ganz föderalismuskonform selbst um ihre durstigen Kühe kümmern. Wenn "die zivilen Behörden ihre Aufgaben in personeller, materieller oder zeitlicher Hinsicht nicht selbst bewältigen können", dann erst erfolgt die Katastrophenhilfe. So geschehen vergangene Woche, als zuerst der Kanton Waadt und dann der Kanton Fribourg die Schweiz um Wasser für ihre Kühe baten.

Dass es im Zuge dieser Hilfeleistung zu einer kleineren Verstimmung mit Frankreich kam, ist Ausdruck einer Kultur von Vertrauen, die in der Schweizer Miliz-Armee herrscht. Man setzt nicht auf Hierarchie, sondern auf Eigenverantwortung. Die Piloten holen das Wasser eben dort, wo es am nächsten ist. Das erscheint sinnvoll. Das schont die Ressourcen. Wer konnte schon ahnen, dass die Franzosen, diese Opfer des Zentralismus, wegen dem bisschen Wasser so beleidigt reagieren?

Mit diplomatisch heiklen Situationen weiß die neutrale Schweiz natürlich umzugehen. Da haben wir Erfahrung. Die Armee entschuldigte sich (der Klügere gibt nach), damit ist die Kurzaffäre für die französische Botschaft in Bern "erledigt".

Im Notfall ist die Armee zur Stelle

Auch innenpolitisch haben wir in unserer direkten Demokratie natürlich wirksame Mittel, mit denen wir auf solche Vorkommnisse reagieren können. Beispielsweise die Lancierung einer Volksinitiative über die Ausstattung von Gruyère-Schutzweiden mit verdunstungssicheren Wassertranks. Politiker könnten einen Vorstoß im Parlament zur Einschränkung der Entscheidungskompetenz von Super-Puma-Piloten machen.

Und im Notfall ist die Armee stets zur Stelle. Das zeigt nicht nur der jüngste Einsatz auf der Alp, sondern auch jener in Südosteuropa, man ist ja flexibel. Eine "13-köpfige Kleinformation" der Schweizer Militärmusik besucht in diesen Tagen "Festivitäten anlässlich des eidgenössischen Nationalfeiertages" in Griechenland, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kosovo. Vergangene Woche spielten die Musiker mit der Greek Military Band in Athen.

Es ist, als hätte sich die Schweizer Armee ein sommerliches Unterhaltungsprogramm für die krisengeplagte Welt ausgedacht.