Indien und Bangladesch haben einen seit Jahrzehnten bestehenden Grenzkonflikt friedlich beigelegt. Ab sofort gehören 111 indische Enklaven in Bangladesch zum Nachbarland, und 51 bengalische Enklaven auf indischem Staatsgebiet unterstehen der Regierung in Neu-Delhi. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie in der Enklave Masaldanga die indische Flagge gehisst wurde, die Bewohner warfen Knallfrösche.

Es ist ein Landtausch, von dem beide Seiten profitieren – und vor allem die 52.000 Bewohner der ehemals extraterritorialen Gebiete, die in ihren Dörfern wie auf Inseln lebten, staatenlos und umgeben vom Nachbarland. Mit dem Landtausch konnten sie sich aussuchen, in welchem Land sie zukünftig leben wollen. Von den fast 37.000 Menschen der indischen Enklaven in Bangladesch entschieden sich aber nur knapp 1.000, nach Indien umzuziehen. In den bengalischen Enklaven wollte kein einziger der 14.000 Bewohner nach Bangladesch ziehen. Sie entschieden sich für die indische Staatsbürgerschaft. Bangladesch zählt nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt; der große Nachbar Indien gilt als Schwellenland mit solidem Wirtschaftswachstum.

Das indische Außenministerin sprach von einem historischen Tag, der das Ende eines seit der Unabhängigkeit 1947 schwelenden Konflikts bedeute. Seit der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien glich das Grenzgebiet einem Flickenteppich mit 198 extraterritorialen Gebieten – so viele Enklaven gab es sonst nirgendwo auf der Welt. Nach dem Abkommen, das Indiens Premierminister Narendra Modi und Bangladeschs Regierungschefin Sheikh Hasina Wajed vor einigen Monaten unterzeichneten, bleiben davon nur 36 Enklaven bestehen.

Die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten waren seit Mitte der siebziger Jahre angespannt. Indien warf Bangladesch vor, nicht genug gegen radikalislamische Gruppen zu tun, die für mehrere Anschläge in Indien verantwortlich gemacht werden. Außerdem dulde Bangladesch separatistische Gruppen, die mit Gewalt für die Unabhängigkeit von Teilen Indiens eintreten. Neben der Landfrage stritten sich die Regierungen in Dhaka und Delhi auch über die Nutzung der zahlreichen Flüsse, die durch beide Länder fließen.