Wettervorhersagen können subversiv sein, jedenfalls dann, wenn die Herrschenden ewigen Sonnenschein versprechen. Zu den Propagandatexten, die Südkorea dieser Tage über die Grenze in den Norden schallen ließ, gehörte daher auch der Wetterbericht ­ – übrigens ein Detail, das Südkoreas Verteidigungsministerium unter Verschluss halten wollte. Ebenso wie die Tatsache, dass die südliche Propaganda den nördlichen Diktator Kim Jong Un als "Irren" sowie als einen allzu jungen Mann beschrieb, "der sich davor fürchtet, von den führenden Politikern der Welt abgelehnt zu werden". Zwischen diesen Botschaften ertönte sodann K-Pop, das ist eine Musik, die so klingt wie Alcopops schmecken.

War es dieser Sound, war es die Majestätsbeleidigung oder doch die Wahrheit über das Wetter, weswegen das nordkoreanische Regime auf die Lautsprecher schießen ließ und sogar mit Krieg drohte? Immerhin, mittlerweile redet man wieder miteinander, der Politlärm ist verklungen.

Man kann die Südkoreaner allerdings verstehen. Ihr Nachbarland ist eine skrupellose Diktatur, geführt von Anhängern einer Ideologie, die an der Grenze zum Wahnsinn angesiedelt ist, und zwar auf der anderen Seite. Da wird man dann wohl selbst auch ein bisschen bizarr und baut jerichomäßig gigantische, Woodstock übertreffende Lautsprecherbatterien an der Grenze auf.

Derlei Grenzpropaganda erinnert an die Ballonaktionen der BRD, die weiland Flugblätter über die Köpfe der DDR-Bürger verteilten. Pech für Ostberlin: Der Wind wehte meist von Westen, man konnte dem BRD-Imperialismus also nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Stattdessen existierte eine pyrotechnische Truppe, geführt in Ostberlin und in der BRD im Einsatz: Die Genossen verschossen Propagandamaterial mittels Raketen, beispielsweise
vom Hamburger Hafen aus. Einmal verirrte sich eine der Raketen in ein Bürohaus, zerplatzte aber im Büro eines mit der KPD sympathisierenden Anwalts. So ging das bis 1968, dann wurden die Raketengruppen stillgelegt, um der neu gegründeten DKP nicht zu schaden ... olle Kamellen.

An sie muss ich angesichts des koreanischen Grenzgeschehens denken. Und auch daran, dass damals etwas anderes viel effektvoller war als alle Flugblattaktionen: die Fernsehreklame sowie Konsumshows wie Rudi Carrells Am laufenden Band. Aus Südkorea ist zu hören, dass auch Gegenstände des täglichen Bedarfs nach Nordkorea geschleust werden, an denen dort so
bitterer Mangel herrscht. Sie dürften mehr überzeugen als alle Worte.

Im Manifest der Kommunistischen Partei schrieben Karl Marx und Friedrich Engels: "Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle
chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt." Diesem Lobgesang auf den Kapitalismus folgte eine Erklärung, warum an seine Stelle der Kommunismus treten müsse.

Mittlerweile schwingt das Pendel wieder zurück, aus Kommunismus wird Kapitalismus, und wieder gilt: Wirksamer als jede Propaganda des Worts – oder auch der Tat – ist die Propaganda der Waren. Über die kann sich im Übrigen nur erheben, wer keinen Mangel kennt.