Es war ein frustrierender Moment für Bernie Sanders, dessen Kampagne um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten bislang eigentlich sensationell erfolgreich verläuft. Mehr als 10.000 Menschen hatten sich in Seattle versammelt, um den für amerikanische Verhältnisse extrem linken Kandidaten bei einer Kundgebung sprechen zu hören. Doch Sanders behielt nicht lange das Wort.

Zwei schwarze Frauen mit T-Shirts der Black Lives Matter-Bewegung stürmten die Bühne, entrissen dem sonst so Eloquenten das Mikrofon und forderten ein umfassendes Programm für die Reform des gesamten Strafrechtswesens in den USA, das Schwarze benachteilige. Sanders verstand die Welt nicht mehr, schließlich hat er schon als Student in den 60er Jahren gegen die Rassendiskriminierung im Land demonstriert. Sogar beim legendären Marsch auf Washington mit Martin Luther King war der heute 73-Jährige dabei.

Und so beteuerte er bei der darauffolgenden Kundgebung in Los Angeles vor 28.000 Menschen dann auch, dass es keinen anderen Präsidentschaftskandidaten gebe, der sich so dezidiert gegen den institutionellen Rassismus in den USA engagieren wolle wie er. Aber es ist, wie es ist: Sogar der linke Sanders hat Schwierigkeiten damit, die junge Protestbewegung zu elektrisieren, die sich in den USA im vergangenen Jahr um die Ereignisse in Ferguson formiert hat und die sich gegen Polizeigewalt sowie gegen die Masseninhaftierung schwarzer Männer stemmt.

Die etablierte Politik tut sich schwer mit Black Lives Matter. Bei den erneuten Demonstrationen in Ferguson zum Jahrestag der Erschießung des schwarzen Jugendlichen Michael Brown hat sich bislang noch keiner der Präsidentschaftskandidaten blicken lassen. Zu groß ist das politische Risiko, sich allzu sehr für die Sache der fortbestehenden Rassendiskriminierung in den USA zu exponieren.

Wie viele Amerikaner ihre Wahlentscheidung von dem Thema abhängig machen werden, ist natürlich unklar. Doch der Kreis der Sympathisanten ist nicht unbedeutend. Nach Angaben der Black Lives Matter-Bewegung gab es im vergangenen Jahr insgesamt mehr als tausend Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA. Nach dem Freispruch der wegen Tötung von Schwarzen angeklagten Polizisten in Staten Island und in Ferguson im vergangenen Jahr gingen gleichzeitig in beinahe allen Städten des Landes die Menschen auf die Straße. Die Zahlen der Teilnehmer schwankten jeweils zwischen Hunderten und Tausenden. In Umfragen Ende 2014 gaben 47 Prozent der Amerikaner an, dass sie glaubten, exzessive Polizeigewalt sei ein Problem im Land.

Clinton war der "erste schwarze Präsident"

Daher können es sich weder die demokratischen noch die republikanischen Kandidaten erlauben, im nun immer mehr an Fahrt aufnehmenden Wahlkampf das Thema zu ignorieren. Denn es geht um die schwarze Wählerschaft, die 2008 und 2012 geschlossen hinter Barack Obama stand.

Bis sich Obama 2008 als aussichtsreich positionierte, konnte Hillary Clinton fest mit den schwarzen Wählern des Landes rechnen. Es war ein Erbe aus der Präsidentschaftszeit ihres Mannes, der häufig als der "erste schwarze Präsident" bezeichnet wird. Clinton wurde nachgesagt, er habe stets ein offenes Ohr für die Belange der schwarzen Bevölkerung gehabt, zudem hatte er starke Allianzen mit den Anführern der Bürgerrechtsbewegung geschlossen.

Doch Clinton kann nicht mehr damit rechnen, dass ihr nach Obama automatisch wieder die schwarzen Stimmen zufallen. Es herrscht ein neues politisches Klima. Die Themen der neuen Bürgerrechtsbewegung sind nicht mehr die der alten. Die Black Lives Matter-Bewegung, die sich vorwiegend aus Jungwählern speist, kann mit der alten Bürgerrechtsgarde, mit Leuten wie Jesse Jackson und Al Sharpton und Organisationen wie der altehrwürdigen NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) nur noch wenig anfangen. Die neue Bewegung will weitgehende Strafrechts- und Polizeireformen. Der etablierten Politik vertraut sie nicht mehr.