Die US-Luftwaffe und das afghanische Militär versuchen, die radikalislamischen Taliban aus Kundus zu vertreiben. Die Angriffe der USA hätten eine Bedrohung der Streitkräfte beseitigen sollen, sagte ein US-Militärsprecher. Afghanische Soldaten seien am Morgen in die nordafghanische Provinzhauptstadt eingedrungen, sagte Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini. "Wir haben das Polizeihauptquartier und das Provinzgefängnis zurückerobert", sagte Hussaini. Angaben zu Opfern machte er nicht.

Die Taliban hatten am Montag aus mehreren Richtungen mit dem Sturm auf die Stadt begonnen und sie bis zum Abend eingenommen. Aus dem Provinzgefängnis befreiten die Taliban nach Regierungsangaben mehr als 600 Häftlinge, darunter 144 Taliban-Kämpfer. Nur noch die Gegend um den Flughafen war unter Kontrolle der Sicherheitskräfte. Taliban-Chef Mullah Achtar Mohammad Mansur versicherte, die Aufständischen würden "Leben, Besitz und Ehre der respektierten Bürger der Stadt Kundus schützen".

Kundus ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde. In einer Mitteilung Mansurs zur "Befreiung der Stadt" hieß es, die Menschen dort könnten ihr Leben "in absoluter Sicherheit" weiterführen. "Die Mudschaheddin denken nicht an Rache, sondern sind mit einer Botschaft des Friedens gekommen", teilte Mansur mit. Er rief Mitarbeiter der "Invasoren und ihres Handlangerregimes" dazu auf, überzulaufen, um ihr Leben und ihren Besitz zu schützen.

Die Eroberung von Kundus durch die Taliban hat in Deutschland eine Debatte um den geplanten Abzug der Bundeswehr aus Nordafghanistan ausgelöst. Der SPD-Politiker Rainer Arnold forderte eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in dem Bürgerkriegsland. Die rund 700 deutschen Soldaten im Norden Afghanistans sollten ein weiteres Jahr bis Ende 2016 in voller Stärke dort bleiben, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. "Angesichts der Situation in Afghanistan wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen."

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte vor einem zu frühen Truppenabzug aus Afghanistan gewarnt. Die Bundeswehr hatte sich vor zwei Jahren aus der Provinz Kundus zurückgezogen, ist aber noch im 150 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif stationiert – allerdings nur zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee. Der Kampfeinsatz der Nato war Ende Ende 2014 nach 13 Jahren beendet worden. Bisher ist geplant, im Laufe des Jahres 2016 alle Nato-Truppen aus der Fläche nach Kabul zurückzuziehen. Laut Arnold ist dies zu früh: "Eines kann es nicht geben: Dass wir zuschauen, wie die Taliban das Land überrennen", sagte er.