Hassan (Name von der Redaktion geändert) spricht uns an. Er hat gemerkt, dass wir Deutsch miteinander sprechen. Er kommt aus Syrien und lebt seit einem Jahr in Wien, er ist als Flüchtling anerkannt, hat Aufenthaltsrecht und Papiere. Er ist hierher gefahren, weil jetzt sein Vater und seine drei Brüder vor dem Keleti-Bahnhof gestrandet sind – drei Kids zwischen sechs und vielleicht 15 Jahren. "Könnt ihr sie mitnehmen?", fragt Hassan, und lächelt. 

Anahita sieht mich an. Es ist aber ohnehin klar. Wer hier mit freien Plätzen im Auto wegfährt, braucht morgen nicht mehr in den Spiegel zu schauen. Gut, dann aber los. Es ist zwei Uhr nachts und mit vier Flüchtlingen im Fonds hab ich zumindest vor, mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.

Wir sind ein wenig nervös, es wäre lächerlich, das zu leugnen. Was wir hier machen ist in Ungarn eine Straftat und in Österreich eine Verwaltungsübertretung. Werden wir geschnappt, haben wir ein – kleines – Problem. Aber die Kinder und ihr Vater im Fonds hätten ein großes Problem. Wir wissen, dass seit einigen Tagen die Grenzen wieder kontrolliert werden. Wir fürchten, dass der Übergang Hegyeshalom, die wesentliche Autobahnverbindung nach Wien, wohl besonders kontrolliert wird. Aber wir haben uns auf das ja nicht vorbereitet. Das ist ja keine Generalstabs-, sondern eine verrückte Spontiaktion. Jetzt einen kleinen Grenzübergang in der Nähe zu suchen, wäre wohl Unsinn, da landen wir nur in der Pampa. So bleiben wir auf der Hauptroute. Hegyeshalom rückt näher. Ja, wir haben Bammel. Wir wollen diese Leute hier jetzt herausbekommen. Wir wollen nicht geschnappt werden.

Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen

Ich spüre, wie plötzlich Wut in mir aufsteigt. Ich bin Bürger der Europäischen Union und fahre von einem EU-Land ins andere. Hinter mir sitzen drei syrische Kinder, mit Vater, ohne Mutter, wir können uns ausmalen, was sie erlebt haben. Wir tun das Richtige. Wir sorgen dafür, dass diese drei Kinder heute in einem Bett schlafen und morgen in Österreich um Asyl ansuchen können. Wir müssen uns zugleich wie Verbrecher fühlen.

Die Grenzerhäuschen sind dunkel. Keine Menschenseele weit und breit. Höchstgeschwindigkeit 40 km/h. Verdammt langsam, wenn man vorwärtskommen will. Irgendwo dann das Schild: "Republik Österreich". Ich sage: "Welcome to Austria." Hinter mir bricht Jubel aus. Die ganz Kleinen kriegen davon aber nicht viel mit, sie schlafen. Bei der nächsten Pausenstation halten wir an. Eine Zigarette.

Eine halbe Stunde später sind die Kleinen und ihr Vater in der Notschlafstelle von Caritas, der Bundesbahn und dem Roten Kreuz am Westbahnhof in Wien. Es ist halb fünf Uhr morgens.

Hassan schreibt aus Budapest: "Dankeschön von Herz."

Wir haben ein Verbrechen begangen. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen. Wegen dem Baby und seiner Mutter und seinem Vater, die wir nicht mitgenommen haben.