Die beiden älteren Damen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. "Wie viel verdient er denn?", fragt die eine. "390.000 RMB im Jahr", antwortet die andere. "Er ist Manager bei einer ausländischen Firma." Ein anerkennender Blick, die beiden tauschen ihre Handynummern, dann ist das Gespräch auch schon beendet.

Wenn es gut läuft für die beiden Mütter, entsteht aus dieser Begegnung ein Blind Date. Dann trifft die Tochter der einen den Sohn der anderen. Und dann heiraten sie, hoffentlich. Das ersehnte Ziel der Eltern und Großeltern, die jedes Wochenende zu Hunderten auf den Heiratsmarkt in Shanghai kommen, um ihre Kinder zu verkuppeln.

Auch an diesem Samstagnachmittag säumen Eltern die Wege im People's Park im Zentrum von Shanghai. Viele sitzen hinter einem aufgespannten Regenschirm, als hätten sie einen Marktstand aufgebaut. Andere sitzen auf Bänken oder stehen in Grüppchen zusammen. Jeder hat einen Steckbrief dabei. So auch Frau Song, die eben Interesse gezeigt hatte an dem gut verdienenden Sohn ihrer Gesprächspartnerin. Über ihre Tochter steht auf dem Zettel: "Weiblich, aus Shanghai, Einzelkind, geboren im März '86, Größe: 162 cm, sanfter Charakter, Bachelor-Abschluss von der Universität Shanghai, Mitglied bei der Kommunistischen Partei, arbeitet bei einer amerikanischen Firma, verdient mehr als 10.000 RMB im Monat und kommt aus einer wohlhabenden Familie." Ein Foto ist nicht dabei. Aussehen spielt am Marriage Market eine untergeordnete Rolle. Alter und Körpergröße sind da schon interessanter. Aber was wirklich zählt, sind Einkommen und Immobilienbesitz. Finden die Eltern ein Angebot vielversprechend, rücken sie ihre Telefonnummer raus.

Dass Eltern die Ehe der Kinder arrangieren, hat eine lange Tradition in China. Früher lebten in der chinesischen Gesellschaft unverheiratete Männer und Frauen streng getrennt voneinander. Sie durften in der Öffentlichkeit nicht zusammen gesehen werden. Entsprechend gering waren die Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen. Ohne Mithilfe der Eltern lief nichts.

Solche Probleme haben die Jugendlichen in Shanghai heute eigentlich schon lange nicht mehr.  Bereits in den 1920er-Jahren eröffneten die ersten Clubs nach westlichem Vorbild. Seitdem, so der Sexualforscher James Farrer, gelte die Metropole sogar als Spielplatz für Abenteurer und Playboys. Am liebsten träfen sich die jungen Erwachsenen in Karaoke-Bars oder Nachtclubs.

Dickes Einkommen und Haus

Trotzdem sorgten Eltern vor etwas mehr als zehn Jahren für die Renaissance des Marriage Market – zu einer Zeit, als es in der chinesischen Wirtschaft brummte. Die Einflüsse der Marktwirtschaft spürt man auch auf dem Heiratsmarkt deutlich: Wer bei den potenziellen Schwiegereltern punkten will, braucht ein dickes Einkommen. Für Männer ohne Geld funktionieren traditionelle chinesische Hochzeiten schon allein deshalb nicht, weil der Mann für das gemeinsame Zuhause inklusive der Aussteuer sorgen muss. Es ist ein echter Wettbewerbsvorteil, wenn der Bräutigam schon ein eigenes Haus vorweisen kann. Die Feier muss er auch bezahlen, was keine Kleinigkeit ist, denn in China liegen Luxushochzeiten schwer im Trend – und dabei geht schnell ein Jahresgehalt drauf.

Noch ein zweiter marktwirtschaftlicher Mechanismus bestimmt den Heiratsmarkt: Der von Angebot und Nachfrage. Wer in China eine Tochter im heiratsfähigen Alter hat, hütet ein rares Gut. Schließlich sind Frauen in diesem Alter Mangelware – ein Resultat der seit 1979 herrschenden Ein-Kind-Politik. Dieses Regierungsprogramm zur Geburtenkontrolle sollte das rasante Bevölkerungswachstum stoppen, weil es die wirtschaftliche Entwicklung und die vorgegebenen Modernisierungsziele zu gefährden drohte.

Zu wenige Frauen

Ab da durfte jedes Paar nur ein Kind bekommen, mehr nicht. Bei Verstoß drohte eine Geldstrafe, die je nach Einkommen hoch ausfallen konnte. Allerdings beschwor diese rigide Vorgabe ein neues Problem herauf: Die Föten von Mädchen wurden massenhaft abgetrieben. Schließlich verlangte die chinesische Tradition ultimativ nach einem Jungen, damit der Familienstammbaum nicht abstirbt. Ein erstgeborenes Mädchen kam einer Katastrophe gleich, würde es doch irgendwann heiraten und die Eltern alleine zurücklassen. Rund 35 Jahre später liegt das Verhältnis bei 117,7 Jungen zu 100 Mädchen, statistisch normal wäre ein Wert von 105 zu 100.

Inzwischen wurde die Ein-Kind-Politik gelockert. Auf dem Land dürfen Paare zwei Kinder bekommen, wenn das erste ein Mädchen ist. Und wer selbst als Einzelkind aufgewachsen ist, darf ebenfalls zwei Kinder bekommen. Aber trotzdem wird es laut einer Prognose der Chinese Academy of Social Sciences im Jahr 2020 mehr als 24 Millionen Single-Männer in China geben – die meisten aus ländlichen Regionen und mit eher niedrigem Bildungsstand.