Auf dem Marriage Market werden primär Frauen angeboten. Die meisten sind zwischen 26 und 34 Jahre alt. Auch Lillys Steckbrief war vor ein paar Jahren hier zu finden. Inzwischen ist sie 28 Jahre alt und immer noch Single. Zwar hat ihre Mutter bereits mehrere Dates für sie arrangiert, aber gefunkt hat es bei keinem. "Ich habe im Moment gar kein Interesse an einer Beziehung", sagt Lilly. Ihre Karriere sei ihr wichtiger. Sie hat in Shanghai studiert und arbeitet bei der Bank of Shanghai.

Wie Lilly geht es vielen jungen Frauen. Die Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Leta Hong Fincher, die zum Thema Geschlechterrollen in China forscht, sagt, dass sich viele gut ausgebildete Chinesinnen zunächst auf ihre Karriere konzentrierten und erst später heiraten wollten.

Qualitativ hochwertiger Nachwuchs

Diese Entwicklung zeigt sich auch in Japan, Hongkong oder Singapur. Auch dort zögern Frauen die Eheschließung oft erheblich hinaus oder verzichteten auf Kinder, so Hong Fincher. Davor, dass dieser Trend noch mehr chinesische Frauen infizieren könnte, habe die chinesische Regierung Angst. Sie sei am genauen Gegenteil interessiert: Vor allem gebildete Frauen sollen möglichst früh Kinder bekommen, um der Nation "qualitativ hochwertigen" Nachwuchs zu schenken. Nur so könne laut Parteidoktrin der wirtschaftliche Erfolg langfristig gesichert werden. Angst habe die Kommunistische Partei Chinas auch davor, dass die Männer unverheiratet leichter auf die schiefe Bahn gerieten. Also brauche es wieder mehr junge Frauen, die heiratswillig seien – und damit ihren Beitrag zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Harmonie leisten.

In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, dass die chinesischen Staatsmedien seit annähernd zehn Jahren den Begriff der "Sheng Nü" verbreiten – der "übriggebliebenen Frauen". Die Botschaft der Kampagne: Wer mit Ende 20 noch nicht verheiratet ist, bekommt keinen mehr ab. Und die Partei bietet Ratgeberartikel, um aus dieser Situation herauszukommen. So textet Xinhua News Agency, das offizielle Sprachrohr der Kommunistischen Partei, Überschriften wie "Die großen vier emotionalen Blockaden überwinden – übriggebliebene Frauen können aus ihrem Singledasein ausbrechen." Oder: "Acht einfache Schritte, um der Falle der übriggebliebenen Frauen zu entkommen." Traditionelle Erwartungen, der Wunsch nach einem Enkel und die staatliche Einflussnahme – das alles scheint zu wirken. Viele Eltern, so Leta Hong Fincher, seien inzwischen "wie besessen" von der Angst, dass ihre Töchter nicht unter die Haube kommen.

Schneewittchen wird zur alten Hexe

Auch Karikaturen leisten ihren Beitrag zur Verunglimpfung unverheirateter Frauen. Eine davon beschreibt Hong Fincher in ihrem Buch: Eine junge Frau mit dick umrandeter Brille steht hinter den Zinnen eines Schlosses. "Warum ist mein Traumprinz auf seinem weißen Pferd noch nicht aufgetaucht?" fragt sie sich in der Denkblase über ihrem Kopf. "Wenn ich weiter warte, wird das Schneewittchen zur alten Hexe!" Auf dem Schlossturm erscheinen die Begriffe "Hohe Bildung, hohe Position, hohes Einkommen". Zu Füßen des Turms wartet eine Gruppe von Männern.

Die 28-jährige Lilly scheint von dieser Gehirnwäsche unbeeindruckt. Sie mache sich diesen Druck selber nicht, sagt sie. Dafür ihre Mutter umso mehr. Sie wird so schnell nicht aufhören, ihrer Tochter Zettelchen mit Telefonnummern zuzustecken.