Indirekt kritisierte Avramopoulos auch die Ankündigung etwa von Österreich oder Italien, künftig wieder Grenzkontrollen durchzuführen. "Schengen ist nicht das Problem, Schengen ist die Lösung", so der Kommissar. Die Freizügigkeit, die ursprünglich in dem Schengener Abkommen geregelt war, sei "eine der größten Errungenschaften der EU". Avramopoulos erinnerte zudem daran, dass sich die EU-Länder bereits vor Jahren auf gemeinsame Kriterien für die Anerkennung von Asylbewerbern verständigt haben. Er forderte: "Sowohl Schengen als auch Dublin müssen vollständig umgesetzt werden. Das ist die Verantwortung der Mitgliedstaaten."

Dimitris Avramopoulos ist seit November 2014 als Kommissar verantwortlich für die europäische Migrationspolitik. Die Nominierung des früheren griechischen Verteidigungsministers war zunächst auf Kritik gestoßen. Auch in den vergangenen Wochen war dem 62-Jährigen wiederholt vorgeworfen worden, in der aktuellen Krise zu zurückhaltend zu agieren. Erst am vergangenen Montag hatte er das umstrittene Flüchtlingslager in Calais besucht. In den kommenden Tagen will er nach Ungarn und auf die griechische Insel Kos fahren.

Kommission arbeitet an Migrationsgesetzen

Avramopoulos wies den Vorwurf, zu zögerlich zu agieren, zurück: "Wir alle, vor allem die Mitgliedstaaten, müssen aufhören, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Jetzt ist die Zeit, um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen." Seit neun Monaten arbeite die Kommission "Tag und Nacht" an der europäischen Migrationsagenda, bereits im Mai habe er konkrete Vorschläge vorgelegt. Ohne Einzelheiten zu nennen, kündigte er für das Sondertreffen der Innen- und Justizminister am 14. September neue Gesetzesvorschläge an. "Wenn die Mitgliedstaaten ähnlich schnell arbeiten würden wie die Kommission", so Avramopoulos, "würden die Dinge heute besser laufen".

Schließlich richtete er seinen Blick über die aktuelle Krise hinaus. Zu einer umfassenden Migrationspolitik, stellte Avramopoulos klar, gehöre es auch, legale Wege für Zuwanderer zu schaffen, um nach Europa zu kommen. Europa sei ein alternder Kontinent und künftig auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen. Auch hierüber denke die Kommission nach: "Wie können wir es attraktiv machen, talentierte Menschen nach Europa zu holen?"

Der Kommissar räumte ein, dass das bisherige System nicht funktioniert habe. Seit 2012 haben Ausländer aus Drittstaaten, die in einem EU-Land arbeiten wollen, die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen eine Blue Card zu beantragen. In den beiden ersten Jahren wurden aber in der gesamten EU nicht mehr als etwa 16.500 solcher Aufenthaltstitel ausgestellt, davon allein 14.000 in Deutschland. Avramopoulos kündigte an, dieses System grundlegend zu überarbeiten.