Alexander Prochanow meint genau zu wissen, was es mit der Flüchtlingskrise in Europa auf sich hat. Amerika habe in Nordafrika und in Nahost eine "demografische Bombe" gezündet, sagte der Schriftsteller und Publizist Rossija 24, einem staatlichen Nachrichtensender. Dahinter stecke die Theorie vom "gesteuerten Chaos", erklärt der 77-Jährige, entwickelt unter anderem an einer Elite-Universität im amerikanischen Berkeley. Die Amerikaner, sagt er, hätten erst revolutionäres Chaos in Nordafrika und Syrien angerichtet und lenkten nun eine "Explosionswelle" gegen Europa. Was wie die Spinnerei eines in die Jahre gekommenen Science-Fiction-Autors klingt, ist dem Staatssender vier Minuten Sendezeit wert.

Selbst für russische Medienverhältnisse sind Prochanows Einlassungen krude. Doch auch andere Beiträge zum Thema schwanken zwischen Untergangsszenarien für die EU, Schuldzuweisungen an die USA und halbherzig kaschierten Ressentiments gegenüber Asylsuchenden. Aus Budapest berichtet etwa die staatliche Rossiskaja Gazeta ausführlich über "Migranten", die angebotene Äpfel und Second-Hand-Kleidung verschmähten und einem Busfahrer drohten, ihn umzubringen, falls er sie nicht nach Österreich, sondern in ein Auffanglager brächte. Und das Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda veröffentlichte ein Tagebuch einer in Deutschland lebenden Russin, die sich über Diskriminierung von Deutschen in ihrem eigenen Land beklagte.

Kaum eine Krise in Europa wurde in Russland in letzter Zeit ohne apokalyptische Prognosen für den Westen betrachtet, egal ob die Schuldenkrise in Griechenland oder das Attentat auf Charlie Hebdo. Russlands Machthaber kommentieren süffisant-besserwisserisch: "Das war eine absolut vorhersehbare Krise. Ich weiß gar nicht, warum sich alle plötzlich wundern", sagte Präsident Wladimir Putin kürzlich bei einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok über die Flüchtlinge in Europa. Die Menschen seien vor dem IS auf der Flucht – und nicht vor Assad, den der Westen ja bekämpfe. 

Eine neue Propagandakampagne

Der Medienkritiker und Journalist Andrej Archangelski spricht von einer neuen Propagandakampagne in den staatlichen und regierungsfreundlichen Medien. Allerdings scheint es nicht zusammenzupassen, dass der Präsident Krieg in Syrien als wichtigsten Grund für die Flucht ausmacht, während die Medien Flüchtlinge vor allem als Wirtschaftsmigranten darstellen, die nach Europa kämen, um dort von Sozialhilfe zu profitieren. Archangelski hat auch dafür eine Erklärung: "Diese Berichterstattung sublimiert die Ängste der Russen vor dem Fremden", sagt er. Diese Angst sei – bis zur Ukraine-Krise – die wichtigste "konsolidierende Gefahr" in den Medien gewesen. Doch seit der neuen Konfrontation mit den USA und Europa nach der Krim-Annexion sei das Thema aus den Medien verschwunden, die öffentliche Meinung habe sich prompt geändert.

Noch nie waren so viele Russen illegalen Einwanderern gegenüber loyal eingestellt, fand das unabhängige Umfrageinstitut Lewada kürzlich heraus. 41 Prozent der Befragten waren dafür, solchen Migranten einen legalen Status zu geben. 2014 waren es nur 19 Prozent gewesen. Damals hatten sich auch 64 Prozent der Befragten für eine Abschiebung ausgesprochen, nun sank diese Zahl auf 43 Prozent.

Einer der Gründe für die positiven Zahlen sei die fehlende Aufmerksamkeit der Medien für dieses Thema, heißt es aus dem Institut. Doch die Experten warnen vor Optimismus: "Feindseligkeit gegenüber Fremden ist nur in Gleichgültigkeit übergangen."

Seit der Jahrtausendwende sind viele Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien nach Russland eingewandert. Mit knapp zehn Millionen Migranten lag Russland 2013 nach UN-Angaben auf Platz zwei der Einwanderungsländer, gleich hinter den USA. Billige Arbeitskräfte wurden in Russland gebraucht, die Löhne waren vergleichsweise hoch. Vor allem aus dem Nordkaukasus kamen Arbeitswillige in die russischen Millionenstädte. Der Staat ignorierte diese Einwanderer. Und gleichzeitig wuchs in der Bevölkerung die Angst vor einer angeblichen Überfremdung.

Ressentiments und Gleichgültigkeit

Morde an Russen, verübt von Migranten, lösten mehrfach lokale Proteste aus. So randalierte zum Beispiel vor zwei Jahren eine aufgebrachte Menge auf einem Gemüse-Großmarkt in Moskau. Etwa zur gleichen Zeit sammelte Alexej Nawalny, der damals aussichtsreichste politische Gegner des Kremls, Punkte mit nationalistischen Parolen. Für Aufsehen sorgte etwa seine Aussage, den Volkstanz Lesginka, den junge Kaukasier gern vor Zuschauern tanzen, auf öffentlichen Plätzen verbieten zu wollen.

Diese Situation scheint sich in Russland langsam zu entspannen, die Zahlen sprechen dafür: Nach Angaben der Organisation Sowa, die Rechtsextremismus in Russland erforscht, sank die Zahl von Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund zwischen 2007 und 2014 von 692 auf 164. Doch der Rückgang der Gewalt und die neue Gleichgültigkeit haben nicht zu einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung geführt. So erklärt es sich, dass sich auch liberale und gebildete Russen offen auf die Seite jener Europäer stellen, die Flüchtlinge am liebsten wieder in Boote zurück nach Süden setzen würden. 

So schrieb Anton Nossik, ein Mitbegründer verschiedener unabhängiger Nachrichtenportale kürzlich in seinem Blog, Syrer gründeten in Europa islamische Ghettos und zögen dort Attentäter groß. Er habe Verständnis, wenn Europäer das nicht wollen. Der regierungskritische Sender Echo Moskwy übernahm den Post unkommentiert, Empörung blieb aus.

Die Abwesenheit von russischer Integrationspolitik hat viel dazu beigetragen, dass die Angst vor Überfremdung, geschürt von Populisten und staatlichen Medien, den Russen in den Knochen steckt. Auch jenen, die eben nicht zum Publikum von Prochanow gehören, der im Staatsfernsehen live eine Weltverschwörung "entlarvt".