Neda atmet noch mal kurz durch. Dann deutet sie auf die Glastür vor dem Reisezentrum. Dicht an dicht drängen sich hier die Männer, Frauen und Kinder, einige haben Decken auf den Fliesen ausgerollt, andere lehnen schlafend an ihren Rucksäcken. "Dort könnt ihr Tickets kaufen" ruft Neda auf Englisch einer Gruppe Männer zu. "Aber ob ihr nach Deutschland weiterkommt, weiß ich nicht." Neda, Zopf, gelbe Weste, helle Stimme, wirkt erschöpft. Seit Tagen ist die gebürtige Iranerin ehrenamtlich für die Flüchtlinge im Einsatz, übersetzt auf Persisch, gibt Informationen zu den Bahnverbindungen, weist den Weg zu den Gleisen. Heute aber kann sie kaum Auskunft geben. Denn seit Deutschland die Grenze zu Österreich kontrolliert, herrscht am Wiener Hauptbahnhof Chaos. "Es ist die Hölle", sagt sie.

Am Sonntagnachmittag hatte Innenminister Thomas de Maizière verkündet, an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich Kontrollen einzuführen, um den Zustrom nach Deutschland zu begrenzen. Zehntausende Menschen waren in der vergangenen Woche über die sogenannte Balkanroute vor allem per Zug über Österreich nach Deutschland gekommen. Als Reaktion auf Deutschlands Vorstoß will Österreich nun die Grenze zu Ungarn ebenfalls kontrollieren, das Bundesheer soll die Polizei dabei unterstützen. Auch die Slowakei startete mit Kontrollen an ihren Grenzen zu Österreich und Ungarn, Polen erwägt ähnliche Schritte.

"Das alles hat enorme Auswirkungen auf die Lage in Österreich", sagt Neda. Nach der Unterbrechung des Zugverkehrs zwischen Deutschland und Österreich am Sonntagabend wurde der Betrieb zwar am Montagmorgen zumindest teilweise wieder aufgenommen. Doch wisse niemand, wie genau die Lage an der Grenze sei, sagt sie und zuckt mit den Schultern. "Die meisten Flüchtlinge, die hier auf ihre Weiterfahrt nach Deutschland warten, haben weder einen Reisepass noch ein Visum. Sie sind alle zutiefst verunsichert."

In dem provisorisch eingerichteten Notquartier des Hauptbahnhofs redet Mona von der Organisation Muslimische Jugend Österreich mit ruhiger Stimme auf eine junge Syrerin ein. "Ich weiß nicht, wann ihr weiterfahren könnt, aber ich erkundige mich", sagt Mona ihr auf Arabisch. Die Flüchtlinge seien sehr angespannt, seit Deutschland die Grenzen kontrolliert, sagt sie. Solche Nachrichten verschärften die Unsicherheit, auch, weil der Andrang immer größer werde. Tausende Menschen übernachten derzeit in Notquartieren in Wien, etliche von ihnen schlafen auf dem West- und Hauptbahnhof. Dicht an dicht liegen die Familien auf dünnen Decken oder Schlafsäcken, dazwischen toben Kinder. Haben Anfang September noch etwa 1.000 Menschen Schutz im Hautbahnhof gesucht, sind es mittlerweile mehr als doppelt so viele. "Wir versuchen, die Menschen so gut es geht zu versorgen und ihnen die Angst zu nehmen", sagt Mona. "Mehr können wir gerade nicht tun."

Dass sich die Lage in Österreich nun noch verschärfen wird, davon sind hier viele der Helfer überzeugt. Immerhin müssen all jene Menschen, die eigentlich nach Deutschland wollen und nun in Österreich festsitzen, versorgt und untergebracht werden. Insgesamt sind derzeit laut Innenministerium rund 20.000 Flüchtlinge in Österreich unterwegs, die Caritas spricht sogar von knapp 40.000 Menschen. Bereits jetzt spitzt sich an vielen Orten die Lage zu, vor allem im Burgenland. In Nickelsdorf an der ungarischen Grenze kamen bis zum Sonntagabend etwa 15.000 Menschen an, am Montag kamen nochmals mehrere Tausend hinzu.

Heiligenkreuz an der ungarischen Grenze entwickelt sich zum zweiten Brennpunkt im Burgenland: Etwa 3.000 Menschen suchen dort Zuflucht, stündlich kommen laut Polizei etwa 500 Menschen mit Bussen hinzu. Grund ist offenbar die Räumung des ungarischen Flüchtlingslagers Röszke an der serbischen Grenze. So werden laut dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) Tausende Menschen mit Zügen in Richtung österreichische Grenze gebracht. Dass in den letzten Tagen so viele Flüchtlinge nach Österreich kommen liegt auch daran, dass Ungarn die Grenze nach Serbien schließt und die Gesetzeslage verschärft. Ab Dienstag ist ein illegaler Grenzübertritt  eine Straftat, die mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden kann.

Die private Hilfe ist überwältigend

"Der Andrang ist schon jetzt deutlich mehr", sagt ein Helfer, der im Notquartier am Wiener Hauptbahnhof Essen an die wartenden Flüchtlinge verteilt. "Aber wir haben hier noch gute Ressourcen." Und sein Kollege fügt hinzu: "Die Hilfe der Wiener ist überwältigend." Tatsächlich gleicht die weitläufige Halle einem Markt: An Essensständen verteilen Anwohner Pappteller mit Nudeln, Reisgerichten, Obst. An einem anderen Stand erhalten die Flüchtlinge Hygieneartikel und Trinkwasser. Es gibt eine Krankenstation, ein Lager für die Lebensmittel und eine Zentrale, von wo aus die Hilfseinsätze genau koordiniert werden. Rund 50 feste Mitarbeiter sind ununterbrochen im Einsatz, unterstützt werden sie von etwa 250 Freiwilligen, wie viele genau es sind, weiß niemand. Viele sind berufstätig und haben sich Urlaub genommen, andere kommen für zwei Stunden in der Mittagspause, um zu helfen. An einer Wand hängt ein Poster, auf dem steht: "Ihr seid großartig. Danke für euren Einsatz." 

Vor dem Eingang der provisorischen Krankenstation steht Einsatzleiter Markus Golla und reibt sich die müden Augen. Er ist etwas vorsichtiger, was die nächsten Tage und Wochen angeht. "Wir werden bald noch mehr Hilfe brauchen", sagt er. Acht Ärzte und acht Pfleger arbeiten hier derzeit ehrenamtlich, Dutzende Krankenpfleger und Ärzte stehen in permanenter Telefonbereitschaft. Kamen vorher 100 bis 150 Menschen am Tag, die eine ärztliche Versorgung brauchten, seien es nun fast 450. Die meisten Flüchtlinge haben gerissene Sehnen oder kaputte Füße, weil sie oft Hunderte Kilometer gelaufen seien. Andere zeigten Verletzungen durch die ungarische Polizei, zertrümmerte Brustkörbe oder Spuren von Schlagstöcken und Tränengas. Sie wollen das alles dokumentieren und an die Behörden weiterleiten, sagt Golla. "Aber dazu fehlen uns gerade die Kapazitäten."