Ist Deutschland eine Hippie-Nation, die sich bei der massenhaften Aufnahme von Flüchtlingen nur von ihren Gefühle leiten lässt? Der britische Politikprofessor Anthony Glees sieht es so. Statt nur mit dem Herz müsse man auch mit dem Hirn handeln, mahnt er. Genau dieses Hirn schienen die Deutschen verloren zu haben.

Glees hat halb Recht. Gefühle sind schließlich die beste Startvoraussetzung für jede gute Beziehung. Richtig dürfte allerdings sein, dass das "Leuchten", das besonders am vergangenen Wochenende von vielen Bahnhöfen aus dieses Land erhellte, irgendwann verglimmen wird. So wichtig dieser wunderbare Willkommensmoment bleibt, als Erinnerungsanker für beide Seiten – schon bald wird zwar nicht weniger Herz, aber umso mehr Hirn gefragt sein.

In welche Beziehungskrisen es führen kann, wenn man sich vormacht, Sympathie allein überwinde Probleme, lässt sich recht gut an dem europäischen Land ablesen, das bisher pro Kopf am meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Die Schweden gelten ihren skandinavischen Nachbarn mittlerweile als abschreckendes Beispiel einer moralischen Überdehnung, die bis in die Naivität hineinreicht. Sie hätten den Grundfehler begangen, Konflikte totzuschweigen, die ein starker Zuzug von Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen hervorrufe, heißt es in Dänemark und Norwegen. Das Ergebnis in Stockholm, Malmö und anderswo: Regelrechte Immigranten-Ghettos mit hohen Kriminalitätsraten, verbreitete Arbeits- und Perspektivlosigkeit unter den Flüchtlingen und eine wachsende Schar Wutschweden, die rechtsaußen wählen (mehr dazu heute in der Printausgabe der ZEIT).

Man wird den Deutschen keine Naivität nachsagen können. Aber stellen wir andererseits wirklich schon die harten Fragen, die notwendig zu stellen sind, wenn aus Gastfreundschaft ein echtes Miteinander werden soll? Dafür lohnt es sich, in Skandinaviens Westen zu schauen, nach Norwegen.

Dort sind die Wutschieber in die Regierung integriert. Die konservative Høyre-Partei ist 2013 eine Koalition mit der kleineren Fortschrittspartei eingegangen; diese lässt sich am ehesten als eine Mischung aus Wohlfahrtsstaatsskeptikern, thatcheristischen Liberalen und latenten bis offenen Fremdenfeinden beschreiben. In den vergangenen Monaten tobte im Osloer Parlament ein Streit darüber, ob Norwegen mit seinen fünf Millionen Einwohnern in den kommenden drei Jahren 8.000 oder 10.000 UN-Flüchtlinge aufnehmen solle. Das Ergebnis, 8.000, mutet aus deutscher Sicht lächerlich gering an für einen derart reichen Petrostaat – diese Zahl entspräche in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern 128.000 Flüchtlingen.

Aber die Norweger fragen sehr offen, welche Integrationsleistungen nicht nur für sie realistisch sind, sondern auch für die Neubürger. Nicht einmal die Sozialdemokraten hatten für mehr als 10.000 Aufnahmen plädiert. Warum? "Vor allem die Integration in den Arbeitsmarkt ist eine riesige Herausforderung", sagt ein führender Sozialdemokrat. "Der härteste Teil aber ist der kulturelle." Und der wiederum hängt eng zusammen mit, erstens, Geld und, zweitens, liberalen gesellschaftlichen Werten.