Der Schaden ist unermesslich. Durch den einstigen arabischen Fruchtbaren Halbmond, der Wiege der menschlichen Zivilisation, zieht eine Spur der Verwüstung – schrecklicher als zu den Zeiten Dschingis Khans. Mehr als 900 Kulturdenkmäler, darunter Welterbestätten wie die assyrischen Königsstädte Nimrud und Hatra, das Museum von Mossul und nun auch das einzigartige Palmyra liegen in Trümmern, zerstört von Kämpfern des "Islamischen Staates". Systematisch zünden die Fanatiker der Terrorgruppe Kirchen, Moscheen, Büchereien und Theater an, schänden Pilgerstätten, Mausoleen und Friedhöfe.

Das zwei Jahrtausende alte Ineinander von Gottesglauben und Kulturen, von Gelehrsamkeit und Dialog, von Bräuchen und Festen steht vor dem Kollaps. Stattdessen breiten sich Fanatismus, Intoleranz und Gewalt im Namen Gottes aus – in bisher nie dagewesener Weise radikalisiert durch die Nihilisten der IS-Terrorarmee.

Kultur verwebt die Menschen – mit ihrer Herkunft, mit ihrer Zukunft und zu einer verbindenden Identität. Kultur und Religion weisen den Einzelnen über den Rand seiner individuellen Existenz hinaus. Und so ist das Wüten der Dschihadisten weit mehr als die Zerstörung historisch einmaliger, touristisch interessanter Zeugnisse. Die Untaten der Glaubenskrieger tilgen die Pluralität und das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Region. Sie rauben den religiösen und ethnischen Minderheiten ihr kulturelles Wesen, lähmen ihren Willen zum Weiterleben in ihrer Heimat und brechen ihr Vertrauen in die Zukunft.

Die Saudis haben die Wurzeln gelegt

Ideologische Triebkraft dieser apokalyptischen Raserei ist die kulturfeindliche Doktrin des salafistisch-wahhabitischen Islam, der auf der Arabischen Halbinsel seine Wurzeln hat. Jahrzehntelang haben die Saudis ihre puritanische, fundamentalistische Version des Islam mit Öl-Milliarden in der ganzen muslimischen Welt verbreitet. Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien dämonisierten ihre Prediger die eingesessene, vor Ort inkulturierte Religiosität als verdorben, unislamisch oder häretisch. Großzügige Stipendienprogramme in Mekka und Medina für Nachwuchs-Imame aus aller Welt sorgten dafür, dass die aggressive religiöse Homogenisierung immer weiter fortschritt.

Denn die hermetische Version eines angeblich vollkommenen Islams lässt sich viel leichter globalisieren als eine Glaubensvorstellung, die sich in die jeweilige Kultur und Tradition fügt. Religion und Kultur werden entkoppelt. Religion ist in keine Hochkultur mehr eingewoben, braucht kaum kulturelle Kontexte und entlastet ihre Anhänger von komplexen Aneignungsprozessen.

Die fundamentalistischen Missionare locken ihre Glaubenskunden mit einer Handvoll simpler religiöser Marker, mit denen sich ihre Rechtgläubigkeit demonstrieren lässt. Jeder Koran-Verteiler in einer Fußgängerzone ist dafür ein sprechendes Beispiel. Im Nu befindet sich der Bekehrte in einer übersichtlich-strenggläubigen Welt von Eindeutigkeit und Orientierung.

Kultur als Gefahr für die Religion

Darüber hinaus eint die Fundamentalisten die Überzeugung, dass Kultur ein unberechenbarer, verführerischer Gegenspieler ist zu ihrer blütenreinen Rechtgläubigkeit. Sie "verschmutzt" die authentische Botschaft des Korans genauso wie die gottgegebenen Moralregeln aus der goldenen Vergangenheit zu Zeiten des Propheten. Und so propagieren die Eiferer ihren angeblich perfekten Ur-Islam als einzig legitime Existenzform für die gesamte Menschheit.

Im "Islamischen Staat" mit seinen über 30.000 ausländischen Gotteskriegern ist diese ideologische, mit saudischen Schecks reichlich gewässerte Saat jetzt aufgegangen und zu einer hochtoxischen Quelle permanenter Gewalt mutiert, die die Welt die nächsten Jahrzehnte in Atem halten wird. Denn die IS-Dschihadisten fühlen sich autorisiert, nicht nur die eigene 1.400 Jahre alte geistige, spirituelle und ästhetische Tradition auszurotten, sondern die vorislamischen Kulturgüter plus die Lebenswelten andersgläubiger Minderheiten gleich mit. Für sie ist das Menschheitserbe nichts weiter als eine zusätzliche Waffe im Kampf um ihr Kalifat. Den Orient aber wird das noch schlimmer verwüsten als die Bomben und Raketen. Übrig bleiben wird kulturelle Monotonie, zivilisatorische Verarmung und eine unheilbare religiöse Verhetzung.

In dem Video berichtet eine Jesidin, wie es ihr als Gefangene des IS erging.

"Islamischer Staat" - Jesidin berichtet über Qualen in Gefangenschaft Entführt, geschlagen, verkauft, vergewaltigt: All das ist der Jesidin Jinan widerfahren. Mit 18 Jahren wurde sie 2014 von der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" im Irak entführt und als Sexsklavin an einen ehemaligen Polizisten und einen Imam verkauft. Doch sie konnte fliehen und hat jetzt ein Buch über ihre traumatischen Erlebnisse geschrieben.