Das Herz kann einem aufgehen in diesen Tagen angesichts der Hilfsbereitschaft der Deutschen. Von Nord bis Süd heißen sie die Flüchtlinge auf ganz wunderbare Weise willkommen. Glücklich der Staat, der solche Bürger hat.

Und geholfen werden muss, denn die Not der Flüchtlinge ist groß. Um wie viel größer aber ist das Elend derjenigen, die noch nicht das Ziel ihrer Flucht erreicht haben? Oder die sich bisher nicht auf den Weg gemacht haben? Millionen Menschen sind in Syrien noch immer der Hölle des Krieges ausgesetzt.

Ihr Schicksal lenkt den Blick zurück auf die Ursachen dieser Massenwanderung. Die Ankunft der Kriegsflüchtlinge muss auch ein Weckruf sein für Politik und Diplomatie, endlich mit aller Kraft nach einem politischen Ausweg aus dem syrischen Morden zu suchen.

Bis jetzt waren alle Bemühungen vergebens. Auch weil das Assad-Regime in Damaskus noch immer auf Unterstützung aus dem Ausland zählen kann, etwa aus Russland und dem Iran.

Dennoch könnten Verhandlungen heute Erfolg versprechender sein als in den zurückliegenden vier Jahren. Grund dafür ist das Abkommen zum iranischen Atomprogramm. Russland hat bei dessen Zustandekommen eine konstruktive Rolle gespielt. Die mit Teheran erzielte Einigung könnte der Suche nach einer Lösung für Syrien eine neue Dynamik verleihen.

Europäer, Amerikaner, Russen und viele Araber sind sich in einem einig: Vor allem anderen muss die Macht des "Islamischen Staats" gebrochen werden. In den vom IS beherrschten Gebieten herrscht die nackte Barbarei. Niemand darf die Verbrechen des Assad-Regimes relativieren, aber dem Kampf gegen den IS gebührt oberste Priorität.

Frankreich, das seine Luftschläge gegen den IS bisher auf den Nordirak beschränkt hat, will diese nun auf Syrien ausweiten. Aber auch Wladimir Putin schließt Luftangriffe auf Stellungen des IS für die Zukunft nicht mehr aus. Das alarmiert die Amerikaner, die Russland vor einem Eingreifen warnen. Das US-Außenministerium sieht "das Risiko einer Konfrontation mit der internationalen Koalition im Kampf gegen den 'Islamischen Staat'".

Natürlich möchte Russland auch den geschwächten Assad stärken. Dennoch sollten Europäer und Amerikaner versuchen, Russland in die von den USA geführte Anti-IS-Koalition einzubinden. Ebenso den Iran. Objektiv sind sie im Kampf gegen den IS schon heute Verbündete des Westens. Und dieser Kampf ist ohne Hilfe Moskaus und Teherans nicht zu gewinnen.

Alles tun für eine Befriedung Syriens

Der "Islamische Staat" ist die abscheulichste Despotie unserer Tage. Sein Einfluss reicht schon jetzt vom Nordirak und Syrien bis nach Libyen. Vor einem Jahr hat der UN-Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet, die verhindern sollte, dass sich immer mehr "foreign fighters" dem IS anschließen. Bewirkt hat dies wenig. Von den rund 20.000 Kämpfern der Terrormiliz stammen etwa 7.000 bis 8.000 aus dem Ausland – mehr als ein Drittel.

Vor der UN-Vollversammlung hat der amerikanische Präsident Barack Obama im Herbst 2014 alle Mitgliedsländer aufgerufen, den Kampf gegen die Terroristen zu unterstützen: "Die Vereinigten Staaten werden mit einer breiten Koalition zusammenarbeiten, um dieses Netzwerk des Todes zu demontieren."

Die Flüchtlinge müssen wir mit offenem Herzen und helfenden Händen aufnehmen. Zugleich müssen Politik und Diplomatie alles unternehmen, damit die Menschen eines Tages in ihre Heimat zurückkehren können. In eine friedliche Heimat, in der Frauen nicht versklavt, Ungläubige nicht geköpft und das Kulturerbe der Menschheit nicht – wie in Palmyra geschehen – zu Wüstenstaub zerbombt wird.