Als Maggie Thatcher im Jahr 2005 ihren achtzigsten Geburtstag feierte, formulierte ihr ehemaliger Vizepremier, Geoffrey Howe, eine bemerkenswerte Würdigung: "Thatcher hat nicht nur eine, sondern zwei Parteien grundlegend verändert." Dies sei vor all den anderen Verdiensten der eigentliche Triumph ihrer elfjährigen Amtszeit. So habe sich doch in der Präsidentschaft Tony Blairs gezeigt, dass zentrale Leitlinien der Politik Thatchers mittlerweile überparteiliches Allgemeingut seien. Der ehemals so bekämpfte Thatcherismus habe sich als "irreversibel", als alternativlos erwiesen. 

In der Post-Thatcher-Zeit waren nun auch die Sozialdemokraten im Grundsatz für einen schlanken Staat, für Ausgabenkürzungen und Privatisierungen. Verteilungsfragen und Regulierungsabsichten rückten zunehmend in den Hintergrund. Auch Thatcher selbst schien diese Deutung zu gefallen: "Unser größter Erfolg war Tony Blair", bemerkte sie einmal lakonisch.

Mit der Wahl Jeremy Corbyns, den annährend 60 Prozent der Labour-Mitglieder und -Sympathisanten zum Parteichef kürten, wurde diese stille Übereinkunft britischer Politik nun in ihren Grundfesten erschüttert. Corbyn ist Labours Linksaußen, er will die Infrastruktur verstaatlichen, die Studiengebühren abschaffen und die europäische Sparpolitik bekämpfen.

Die politischen Kommentatoren dies- und jenseits der Insel reagierten auf die Entscheidung der Parteibasis mehrheitlich mit einer Mischung aus Unverständnis und Hohn: Labour habe sich mit der Wahl des realitätsfernen Radikalos offiziell davon verabschiedet, in den nächsten Jahren, ja Jahrzehnten Politik zu gestalten, den Regierungschef zu stellen, so konnte man es vielerorts lesen. Fest steht zunächst jedenfalls: Der Erfolg Corbyns bringt ein Thema zurück auf die Agenda, das aus den politischen Diskursen beinahe verschwunden schien: die Frage, wo Sozialdemokraten Wahlen gewinnen, wer der Adressat ihrer Politik ist. 

Neue Zielgruppe der Partei

Mit der Transformation von Old zu New Labour in den Neunzigern, von "traditionalistischer" zu "moderner, innovativer" Sozialdemokratie schien diese Frage klar beantwortet. Der "middle income, middle Britian" müsse die neue Zielgruppe sein, ihn gelte es zu überzeugen, denn, so ging die Analyse, nur wer die Mitte gewinnt, kann bei den Wahlen reüssieren. Unter dem Slogan des "Dritten Weges" war diese in Großbritannien entwickelte Leiterzählung Ende der neunziger Jahre in der europäischen Sozialdemokratie überaus populär. In zahlreichen Ländern schworen sich Sozialdemokraten auf eine Politik ein, die eine maßvolle Alternative zwischen Etatismus und Marktgläubigkeit versprach.

Doch in der Konsequenz – wie das Beispiel Tony Blairs wohl am augenfälligsten verdeutlicht – auch zentrale Axiome des Neoliberalismus anerkannte und programmatisch einhegte. Zu dem Schröder-Blair-Papier, das 1999 die Neuausrichtung der Sozialdemokratie festschrieb, bemerkte der FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhard, die Kritik am "traditionellen sozialdemokratischen Weg zur sozialen Gerechtigkeit" hätte selbst er nicht treffender formulieren können. 

Die Partei verlor die Ränder der Gesellschaft

In Deutschland avancierte unter Gerhard Schröder die "Neue Mitte" zur  zentralen, ja alleinigen Bezugsgröße sozialdemokratischer Politik. Die "Neue Mitte", das waren nicht die Kassiererinnen, Installateure und Lageristen. Erreichen wolle man die "Angestellten oder Selbstständigen mit qualifizierten Bildungsabschlüssen in den Kernbereichen der neuen Ökonomie", in "verantwortungsvollen Positionen", so formulierte es Matthias Machnig, einer der programmatischen Köpfe jener Jahre. Die strategische Fokussierung auf die Gut- und Besserverdienenden, die Leistungsträger und Wohlsituierten markierte auch die Abkehr von den traditionellen Wählermilieus. Die sozialstrukturellen Ränder der Gesellschaft rückten aus dem Blickfeld sozialdemokratischer Politik.