Zwei weitere Nationalgardisten sind nach gewaltsamen Protesten gegen eine Gebietsreform in der Ukraine ihren Verletzungen erlegen. Damit stieg die Zahl der Toten auf drei, wie Polizei und Innenministerium mitteilten. Die Krankenhäuser behandelten noch etwa 140 Verletzte, teilte die Polizei mit. Bei neun von ihnen sei der Zustand ernst. 18 Menschen seien noch in Polizeigewahrsam. Präsident Petro Poroschenko besuchte Verletzte im Krankenhaus.

Am Montag waren vor dem Parlament in Kiew nationalistische Demonstranten mit Knüppeln, Rohren und Nagelstöcken auf Sicherheitskräfte mit Schilden und Schlagstöcken losgegangen. Mehr als 100 der gewalttätigen Demonstranten gehörten laut Innenministerium der nationalistischen Swoboda-Partei an, die nur wenige Sitze im Parlament innehat. In dem Getümmel explodierte eine Handgranate. Die meisten Verletzten waren Angehörige von Polizei und Nationalgarde. Zunächst wurden rund 30 Menschen festgenommen, unter ihnen auch der mutmaßliche Handgranatenwerfer.

Poroschenko sagte bei einem Krankenbesuch bei Verletzten, die Zusammenstöße seien bewusst herbeigeführt worden. Organisatoren hätten Stöcke und Handgranaten verteilt. Sie müssten zur Verantwortung gezogen werden. Die Ausschreitungen verurteilte er als antiukrainisch

Eine Partei verlässt Regierungskoalition

Die Radikale Partei hat unterdessen angekündigt, die prowestliche Regierungskoalition zu verlassen. Die Parlamentsfraktion mit ihren 21 Abgeordneten trete zur Opposition über, teilte Parteichef Oleh Ljaschko mit. Die Ultranationalisten sind gegen die Reform der Verfassung. Der Austritt schwächt die Koalition, der nun noch 274 Abgeordnete angehören. Für eine endgültige Annahme der Verfassungsreform sind jedoch 300 Stimmen nötig.

Während der Zusammenstöße hatten die Parlamentsabgeordneten über eine Verfassungsänderung debattiert, die den Regionen im Osten des Landes, die von prorussischen Separatisten kontrolliert werden, mehr Macht zugesteht. Diesen Schritt hatte die Regierung bei den Waffenstillstandsvereinbarungen mit Russland und den vom ihm unterstützen Rebellen im Osten des Landes im Februar zugesagt, sie sind Teil des Minsker Abkommens. Kritiker, auch innerhalb der Regierungskoalition, lehnen diese Dezentralisierung als Kapitulation vor Russland ab.

Den prorussischen Separatisten dagegen geht die Dezentralisierung nicht weit genug. Der Donezker Rebellenführer Alexander Sachartschenko kritisierte, die Regierung habe aus der Verfassungsänderung eine Klausel gestrichen, die es dem Osten erlaubt hätte, seine Souveränität zu erklären und nur noch in einer losen Konföderation mit der Ukraine verbunden zu bleiben.

Bei der Abstimmung hatten zunächst 265 der 450 Abgeordneten für die Verfassungsänderung gestimmt.  

Waffenruhe zwischen Separatisten und Ukraine hält

Die erneuerte Waffenruhe zwischen Separatisten und der Ukraine hat nach ersten Angaben am Dienstag gehalten. Ein Militärsprecher in Kiew erklärte, bis zum Mittag habe es keine Berichte über eine Verletzung der Feuerpause durch die prorussischen Separatisten im Osten des Landes gegeben. "Im Moment ist die Lage ruhig", sagte er. In den letzten 24 Stunden sei auch kein Soldat getötet oder verletzt worden.

Bei den immer wieder aufflammenden Kämpfen zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Rebellen sind seit April vergangenen Jahres mehr als 6.800 Menschen getötet worden. Auch nach dem im Februar von Deutschland und Frankreich vermittelten Waffenstillstand flauten die Kämpfe zwar ab, wurden aber nicht beendet.