In Kolumbien ist nach dreijährigen Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Farc-Guerrilla ein Durchbruch in dem seit über 50 Jahren andauernden Konflikt gelungen: Beide Seiten haben sich nach vielen Fehlschlägen und gescheiterten Versuchen auf ein weiteres Teilabkommen geeinigt, das nach der Agrarfrage, der politischen Partizipation der Guerrilla und der Drogenpolitik nun den schwierigen Bereich der Strafverfolgung regelt. Dabei geht es vor allem um Straferleichterungen für die Guerrilla, die ihr den Weg in die Demobilisierung eröffnen sollen: Für geständige Täter, denen erhebliche Menschenrechtsverletzungen angelastet werden, sind Alternativen zu Gefängnisstrafen vereinbart worden; dies war ein besonderes Anliegen der Farc, die vermeiden wollte, dass sie durch die Inhaftierung ihrer Führungsstruktur in der angestrebten politischen Rolle nach einem Friedensschluss eingeschränkt wird.

Nicht geständige Täter werden nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren angeklagt und können zu bis zu 20 Jahren Haft verurteilt werden. Straftaten "aus politischen Gründen" können Gegenstand einer Amnestie werden, womit sich die Chancen für eine Wiedereingliederung einfacher Kämpfer in die Gesellschaft erhöhen. Gleichzeitig verpflichten sich die Konfliktparteien dazu, Wege zu suchen, wie der Konflikt justiziell aufgearbeitet werden kann. So soll eine eigene Friedensgerichtsbarkeit für schwere Vergehen gegen die Menschlichkeit durch Guerrilla und Staatsorgane eingerichtet werden. Die Opfer der Gewalt werden aktiv beteiligt und ihre Ansprüche auf Wiedergutmachung anerkannt.

Dieser Prozess der Vergangenheitsbewältigung in einer von Gewalterfahrungen gezeichneten Gesellschaft kann als Kernstück einer nationalen Aussöhnung gelten, die lange andauern und viele Wunden erneut aufreißen wird. Der kolumbianischen Gesellschaft steht noch ein schwieriger Prozess der Aufarbeitung der eigenen Geschichte bevor, der mit einem Friedensschluss erst beginnen wird. Das gilt gerade auch für die Einsetzung einer Kommission für Wahrheit und Zusammenleben, die in den Verhandlungen vereinbart wurde.

Die Gesellschaft muss vom Wandel überzeugt werden

Mit der Einigung wurde ein schwerer Stein auf dem Weg zum Frieden beiseitegeräumt, aber bislang ist erst die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt. Denn mit der zweiten, deutlich kleineren Guerrilla-Gruppe ELN steht eine Friedensregelung noch aus. Dass sie selbstverständlich das erzielte Übereinkommen mit der Farc übernimmt, ist eher unwahrscheinlich. Auch mit ihr wird man verhandeln müssen, und es besteht die Gefahr, dass die ELN dabei noch weitergehende Forderungen stellt, die den Prozess verzögern.

Und schließlich muss die kolumbianische Gesellschaft von dem bis März 2016 abzuschließenden Friedensvertrag überzeugt werden. Präsident Juan Manuel Santos wird sein gesamtes politisches Gewicht einbringen müssen, um beim geplanten Referendum ein überzeugendes Votum der Unterstützung zu erhalten. Um anschließend den Friedenskurs zu halten, muss die kolumbianische Gesellschaft auf die damit verbundenen Veränderungen eingestimmt werden. Für einen nachhaltigen Frieden bedarf es eines grundlegenden Wandels, der nicht vor etablierten Besitzverhältnissen und Machtpositionen Halt machen darf, etwa wenn es um eine Landreform oder Alternativen zum Drogenanbau geht. Ohne diese friedenspolitische Überzeugungsarbeit könnte sich das Abkommen zwischen Regierung und Guerrilla als bloßer Papierfrieden erweisen.

Hohe wirtschaftliche und politische Kosten

Die Verwerfungen in der kolumbianischen Gesellschaft nach Jahrzehnten des Konflikts sind massiv: Mindestens sechs Millionen Binnenflüchtlinge sind als Folge der Gewalt im Lande verstreut, große Teile des Territoriums befinden sich außerhalb staatlicher Kontrolle. Zudem belastet die Drogenproblematik den Aufbau neuer gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen. Überdies besteht die Gefahr, dass die geplante Demobilisierung von circa 10.000 Guerrilla-Kämpfern in einem massiven Schub der Kriminalität endet, wenn nicht hinreichend alternative Erwerbsmöglichkeiten geschaffen werden können.

Die wirtschaftlichen und politischen Kosten des Friedens sind also hoch, während die Erwartungen an bessere Lebenschancen in einer Post-Konflikt-Gesellschaft massiv wachsen. Die Bereitschaft zur Versöhnung muss daher immer wieder aufs Neue gestärkt werden. Ohne Begleitung und Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft wird Kolumbien diese Herausforderung kaum bewältigen können.

Die Suche nach dem inneren Frieden hat viele Facetten, zentrale Tätigkeitsfelder für eine internationale Zusammenarbeit werden dabei der nationale Versöhnungsprozess, die Vergangenheitsbewältigung und der (Wieder-)Aufbau staatlicher Strukturen sein. Gerade Deutschland kann hier maßgebliche Unterstützung leisten, aufgrund eigener nationaler Erfahrungen und der langen Tradition vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Kolumbien. Mit einem kurzfristigen Engagement wird es dabei nicht getan sein, vielmehr ist ein langer Atem gefragt, wenn für Kolumbien ein gerechter und dauerhafter Frieden gesichert werden soll.