An der Grenze zu Kroatien hat die slowenische Polizei Tränengas gegen etwa 500 Flüchtlinge eingesetzt, die versuchten, über die Grenze zu gelangen. Auch Kinder wurden getroffen. "Wir gehen nach Slowenien" und "Freiheit, Freiheit" hatten sie am Grenzübergang Harmica zuvor gerufen, unterstützt von Aktivisten aus beiden Ländern. Sloweniens Ministerpräsident Miro Cerar lenkte schließlich ein und schlug vor, sein Land könne Transitkorridore einrichten. Die slowenischen Behörden registrierten zunächst etwa tausend Flüchtlinge, etwa 700 weitere warteten noch am kroatisch-slowenischen Grenzübergang Obrežje. 

Laut der slowenischen Botschafterin in Deutschland, Marta Kos Marko, erklärt sich Slowenien inzwischen zur Aufnahme von bis zu 10.000 Flüchtlingen bereit. "Wenn die Flüchtlinge bei uns Asyl beantragen, nehmen wir sie auf und schützen sie", sagte sie der Rheinischen Post. Wenn mehr Menschen aufgenommen werden sollten, müsse Slowenien aber um europäische Hilfe bitten. Dabei werde ihr Land "nach den Regeln der Abkommen von Schengen und Dublin handeln". Auch Slowenien habe zu Kriegszeiten "Solidarität erfahren". Als Slowenien sich 1991 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erkämpfte, seien Österreich und Italien zur sofortigen Hilfe bereit gewesen. Daher habe ihr Land eine "moralische Pflicht", nun ebenfalls zu helfen, sagte die slowenische Diplomatin.

Die Flüchtlingsfrage strapaziert auch die Beziehungen zwischen den EU-Mitgliedern Kroatien und Ungarn. "Ohne jegliche Absprache sind 1.000 Migranten mit dem Zug nach Magyarbóly gebracht worden", sagte Ungarns Regierungssprecher Zoltán Kovács im ungarischen Grenzort Beremend. Die 40 kroatischen Polizisten, die den Zug begleiteten, seien entwaffnet, der Lokführer festgenommen worden, fügte der Sprecher hinzu. Es bestehe der Verdacht, dass es sich um einen Grenzverstoß gehandelt haben könnte. Eine kroatische Polizeisprecherin wies die Angaben jedoch zurück. Niemand sei entwaffnet oder festgenommen worden. Auf die Polizeieskorte habe man sich vorab verständigt. Die Polizisten seien nach Kroatien zurückgekehrt. Inzwischen baut Ungarn auch an der Grenze zu Kroatien einen 41 Kilometer langen Zaun.

Nachdem Ungarn seine Grenze zu Serbien komplett geschlossen hatte, versuchten Tausende Flüchtlinge auf der Westroute durch Kroatien weiter in Richtung Nordwesten zu gelangen. Nach nur zwei Tagen schloss auch Kroatien seine Grenze zu Serbien. Kroatiens Innenminister Ranko Ostojić sagte, nach der Einreise von über 17.000 Flüchtlingen könne sein Land keine weiteren Menschen mehr aufnehmen. Ministerpräsident Zoran Milanović gestand ein, sein Land habe die Kontrolle verloren. "Wir können diese Last nicht mehr tragen", sagte er. "Ihr seid in Kroatien willkommen und könnt durchreisen. Aber geht weiter. Nicht, weil wir Euch nicht mögen, sondern weil dies nicht Euer endgültiges Ziel ist." Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó bezeichnete das Vorgehen von Milanović als "erbärmlich".

Kroatien ist eines der ärmsten Länder der EU – und mit 4,2 Millionen Einwohnern eines der kleineren. Die meisten der Flüchtlinge, die nun in Kroatien festsitzen, kommen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Juncker hofft auf schnelle EU-weite Regelung

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bot Kroatien Hilfe an. Wie die EU-Kommission mitteilte, sicherte Juncker Milanović in einem Telefongespräch technische und logistische Unterstützung der EU zu. Beide hätten betont, wie wichtig es sei, vor Krieg, Terror und Unterdrückung Flüchtende menschenwürdig und europäischen Werten entsprechend zu behandeln. Zudem hätten beide die Notwendigkeit unterstrichen, die EU-Außengrenzen besser zu schützen. Sie hoffen außerdem auf rasche Fortschritte in der Frage, wie die EU-Mitgliedsstaaten die Krise gemeinsam bewältigen und die Flüchtlinge gerecht verteilen können. Darüber wollen die EU-Innenminister am kommenden Dienstag sprechen.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk warnte davor, dass das Problem am Nicht-EU-Land Serbien hängen bleiben könnte, in das weiterhin täglich 4.000 neue Flüchtlinge aus Griechenland strömten. "Die Krise wächst und wird von einem Land ans andere weitergeschoben", sagte Adrian Edwards vom UNHCR. "Ihr werdet dieses Problem nicht durch das Schließen von Grenzen lösen."

Die Leidtragenden der Streitigkeiten sind die Flüchtlinge. Die Misere der Männer, Frauen und Kinder war in etlichen Orten auf dem Balkan zu erkennen, etwa in der kroatischen Stadt Beli Manastir an der Grenze zu Ungarn. Menschen schliefen auf den Straßen, in Zügen und an einer Tankstelle. Wenn Busse kamen, drängten sie sich hinein, ohne zu wissen, wohin sie damit überhaupt gebracht werden.

Nach UNHCR-Angaben haben in diesem Jahr bereits 442.440 Menschen das Mittelmeer in Richtung Europa überquert. 2.921 starben dabei. Die Internationale Organisation für Migration spricht von 473.887 Überquerern und 2.812 Toten.