Haben Sie keine Angst, zu enden wie Nemzow?, fragen Wähler aus der Region Kostroma beim Gespräch mit Ilja Jaschin, dem Spitzenkandidaten der regierungskritischen Partei der Volksfreiheit (Parnas). "Solange mich Leute unterstützen, und ich sehe, dass sie mich unterstützen, habe ich davor keine Angst. Ich lebe in meinem Heimatland, wovor muss ich denn Angst haben? Es ist beschämend, sich im eigenen Land zu fürchten. Ich will und werde eure Interessen verteidigen" lautet die Antwort des 32-Jährigen.

"Ich habe keine Angst!" stand auf den Bannern, die 100.000 Moskauer  am Tag nach Boris Nemzows Ermordung bei einem Gedenkmarsch trugen. Auch Jaschin war damals dabei. Diese Entschlossenheit legt er nun in die Wahlkampagne 2015 in der Region Kostroma, rund 350 Kilometer von Moskau entfernt.

Auch nach der Ermordung seines engsten Freundes und Mitstreiters Nemzow spricht der Politikwissenschaftler von der Hochschule für Ökonomie in Moskau mit den Bewohnern von Kostroma über Korruption, Machtwillkür und Verantwortungslosigkeit der Behörden. Beweisen muss er seine Worte hier nicht, die Zuhörer haben ihre eigenen Erfahrungen gemacht.

Am kommenden Sonntag finden in Russland Regional- und Kommunalwahlen in 83 Föderationssubjekten statt, insgesamt 11.000 Mandate werden vergeben. Normalerweise sind die Gouverneurswahlen wichtiger, doch dieses Mal ziehen die Regionalwahlen mehr Aufmerksamkeit auf sich, denn bei ihnen hat die Opposition eine kleine Chance.

Die einzige Partei, die nicht als regimekonform gilt und bei diesen Wahlen antritt, ist die vom ehemaligen Ministerpräsidenten Michail Kassjanow angeführte Partei der Volksfreiheit, Jaschin ist ihr Spitzenkandidaten. Im Januar schloss sie sich mit der Partei von Alexej Nawalny zusammen. Sie gilt als Basis des außerparlamentarischen Oppositionsbündnisses Demokratische Koalition.

Ärmste Region Russlands

Die Parnas-Partei hatte angekündigt, in vier russischen Regionen antreten zu wollen. Doch überall gab es Probleme, das Oppositionsbündnis wurde am Ende nur im Gebiet Kostroma zu den Wahlen überhaupt zugelassen. Und so ist Kostroma der derzeit einzige Ort in Russland, aus dem ein unabhängiger Abgeordneter ins Parlament einziehen könnte.

Die Stadt ist eine der ärmsten Russlands. Mit einer Bevölkerung von rund 654.400 Menschen hat die Region etwa 16 Milliarden Rubel (knapp 209 Millionen Euro) Schulden. "Jedes in Kostroma geborene Kind hat mehr als 25.000 Rubel Schulden", illustriert Jaschin das Problem. Die lokalen Behörden seien ineffektiv und sollten von der Opposition kontrolliert werden, schlägt er vor.

Die Einwohner von Kostroma sind dem Moskauer gegenüber zunächst misstrauisch. Oft wurde der Opposition vorgeworfen, sie sei zu weit weg vom Volk, sie begreife dessen Probleme nicht. Jaschin ist daraufhin durch das Gebiet Kostroma gefahren, um sein eigenes Land besser zu verstehen und mit seinen Mitbürgern zu sprechen.

Korruption und Amtsmissbrauch

Buj, Galitsch, Manturowo, Kostroma – insgesamt hat die Partei mehr als 100 Vorwahlgespräche in der Region durchgeführt. Die Straßen sind in einem miserablen Zustand, die Mieten sind kaum bezahlbar. "Und was machen unsere Beamtenseelen? Wie kommen sie an ihre Villen und schicken Autos? Richtig, mit dem Geld, das sie dem kleinen Mann aus der Tasche gezogen haben", sagt der oppositionelle Kandidat.

Viele Regierungsgegner und Journalisten fühlen sich in Russland zunehmend unter Druck gesetzt: