Vergeblich rütteln die verhinderten Grenzgänger am Gattertor. Nach 16-tägiger Odyssee ist auch der schmächtige Maher, ein Student aus Damaskus, fast am Ziel. Bis auf zwei Meter ist er an die EU herangekommen. Doch nun trennt ihn Stacheldraht von dem blauen Schild mit dem Sternenbanner der EU am Grenzübergang Horgoš 2. 

Und dann sind da auch noch die ungarischen Grenzwächter in ihren blauen Kampfanzügen. Stoisch lassen sie die wütenden oder bittenden Zurufe der im Niemandsland zu Serbien ausgesperrten Flüchtlinge über sich ergehen. Seine Freunde hätten in der Nacht die Grenzpassage über die Wälder gewagt, erzählt Maher. "Die sind jetzt in Wien. Wir haben es auf dem legalen Weg versucht und können nun weder vor noch zurück. Wir hängen fest."

"Chaos in Horgoš", vermeldet schon am Morgen nach Inkrafttreten der ungarischen Notstandsgesetze die serbische Agentur Tanjug. Tatsächlich versperren nicht nur Zelte, Übertragungswagen und die Kleintransporter der Hilfsorganisationen die Zufahrtsstraße zum abgesperrten Grenzübergang. Rat- und orientierungslos ziehen lange Kolonnen von Menschen über die nahe Autobahn.


Vor einer Containertür im silbern glänzenden Stacheldrahtzaun suchen Hunderte Einlass in eine abgezäunte "Transitzone". Doch nur wenige werden in unregelmäßigen Abständen an dem sogenannten legalen Zutrittspunkt zur Abnahme von Fingerabdrücken hereingelassen.

Mal geht das Grenztor kurz auf, dann wird unvermittelt die gesamte Autobahn mithilfe beweglicher Tore komplett abgesperrt. Noch sei schwer vorherzusehen, wie die Flüchtlinge auf die praktisch vollständige Abriegelung des Grenzübergangs reagieren werden, sagt in der Morgensonne der Arzt Johannes Kortmann von der deutschen Hilfsorganisation Humedica: "Die Situation ändert sich ständig."

"Unsere neue Heimat"

Apathie und Wut macht sich auf den verdorrten Maisfeldern und versengten Wiesen rund um die beiden für die Flüchtlinge unüberwindbar gewordenen Grenzübergänge breit. Schon seit 13 Tagen ist der stoppelbärtige Basel mit drei von seinen Freunden aus Damaskus in Richtung seiner in Dortmund lebenden Familie unterwegs. Wie es weitergehen soll, wisse er nicht, sagt der Rechtsanwalt verbittert. "Wir haben kein Geld mehr, jeder hat uns unterwegs abkassiert – und fast all unser Gepäck wurde von Dieben gestohlen. Und nun scheint das unsere neue Heimat zu werden."

1.300 Menschen hatten die Nacht vor den abgeriegelten Grenzgängen verbracht. Doch mit den Neuankömmlingen hat sich ihre Zahl im Lauf des Dienstags bald auf mehrere Tausend erhöht. Die Regierung Belgrad werde keine von Ungarn ins Niemandsland abgeschobenen Flüchtlinge zurücknehmen, hatte am Vorabend Serbiens Sozialminister Aleksandar Vulin gewarnt. 

Doch die meisten der in Horgoš Ausgesperrten scheinen an einem längeren Aufenthalt in ihrem unfreiwilligen Gastland ohnehin kein Interesse zu haben. "Wir wollen nicht zurück. Nachher stecken uns die Serben in ein Camp", sagt Maher: "Heute warten wir noch ab. Wenn die Grenze zubleibt, versuchen eben auch wir den illegalen Weg über die Grenze."