Die internationale Presse in Europa kommentiert den Umgang mit Flüchtlingen in Ungarn äußert kritisch. Auch im Land selbst werfen die Zeitungen der Regierung vor, dass sie die Menschen am Bahnhof von Budapest schlecht behandelt.

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság schreibt, dass gerade der Katastrophenschutz des Landes am Donnerstag nichts anderes mitzuteilen hatte als: "Zu Weinlesezeiten ist der Mostdampf gefährlich." Dass dieses Thema die Aufmerksamkeit der Institution errege, zeuge von ihrem unübertrefflichen Sinn für das Wesentliche. Darüber hinaus habe der Staat nun versucht, "die Flüchtlinge hereinzulegen".

Die Verantwortlichen hätten den Flüchtlingen einen Zug gen Westen angeboten, den sie schnell gestoppt hätten, um die Flüchtlinge in ein Lager zu treiben. "Damit haben sie erreicht, dass Syrer und Afghanen jetzt dasselbe glauben wie die Mehrheit der Ungarn: Man darf diesem Staat nicht vertrauen." Was in diesen Tagen in Budapest zu sehen sei, bedeute: "Der ungarische Staat funktioniert nicht. Darin gleicht er gespenstisch den Spitzenpolitikern der Europäischen Union." Aber jeder vernünftige Mensch habe nun genug davon, dass die Ankunft von täglich 2.000 Menschen im Herzen des Kontinents eine humanitäre Katastrophe auslöse.

"Menschlich, zivilisiert und europäisch höflich behandeln"

Die konservative ungarische Tageszeitung Magyar Nemzet beklagt zwar auch den schlechten Umgang mit den Flüchtlingen, hält aber die Grenzpolitik der Regierung von Viktor Orbán für richtig: "Warum ist es nicht möglich, jene Flüchtlinge menschlich, zivilisiert und europäisch höflich zu behandeln?" Sie würden schließlich den Ungarn nicht die Arbeitsplätze wegnehmen, weil sie gleich weiterreisen wollten. "Angesichts der Lage am Budapester Ostbahnhof kommt die Frage auf, ob der Staat überhaupt funktionsfähig ist", schriebt die Zeitung weiter. "Wenn es schon so schwer ist, mit etwa 2.000 Menschen angemessen umzugehen, sie zu informieren und zu bremsen – wie sollte dann erst die Sperre der ungarischen Südgrenze gut funktionieren?"

Der Schweizer Tagesanzeiger hält fest: "Ungarn hat die Pflicht, die Außengrenze der Europäischen Union zu schützen, und Ungarn hat das Recht, auf die Einhaltung des Dublin-Abkommens zu pochen." Dafür könne die Regierung auch mehr Geld von Brüssel fordern. "Aber all das darf eine Regierung, die Sicherheitskräfte und das Bahnpersonal nicht daran hindern, Kriegsflüchtlinge mit einem Minimum an Würde zu behandeln, sie mit ausreichend Wasser und Essen zu versorgen, Toiletten aufzustellen und eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen. "Das alles dürfe keine Frage des Geldes, keine Frage der Organisation sein. "Wer elementare Hilfe verweigert und stattdessen Flüchtlinge politisch missbraucht, wer ihnen verspricht, sie könnten ausreisen, und sie in einen Zug lockt, nur um sie dann in ein Übergangslager zu bringen, wer den Zug mit Kindern stundenlang in brütender Hitze stehen lässt, wer jede Information verweigert und stattdessen bei den eigenen Wählern gegen Menschen in Not auch noch hetzt und sie als Bedrohung der eigenen Kultur diffamiert, der handelt nicht wie ein Christ und nicht wie ein Mensch. Der handelt wie ein Zyniker."   

Die französische Regionalzeitung Ouest France schreibt, dass Frankreich derzeit die Wahl habe zwischen zwei Positionen. "Die erste ist die Heuchelei, die darin besteht, weiterhin möglichst wenig zu tun und dabei lauthals die Achtung der Werte zu beteuern. Französische Verantwortliche verurteilten osteuropäische Länder, die sogar noch weniger täten als die Regierung in Paris. "Sie geißeln Ungarn, das einen Stacheldraht gezogen hat, wie wir das in Calais gemacht haben. Sie fordern europäische Regelungen beim Asylrecht, ohne in der Zwischenzeit unsere eigenen Praktiken zu verändern." Die andere mögliche Haltung werde diktiert durch Menschenrecht und moralische Haltung: "Sie besteht darin, jetzt und gleich Leben zu retten." 

Die liberale spanische Zeitung El Mundo kontrastiert die Haltung der Bundesregierung in der Frage zu jener der ungarischen Regierung: "Deutschland gibt mit der Solidarität, die es den Flüchtlingen entgegenbringt, ein Vorbild ab, dem die anderen Staaten in Europa folgen sollten." Die EU scheine vergessen zu haben, dass sie mit der Idee entstanden war, die Grenzen auf dem Kontinent zu überwinden. "Im Gegensatz zur inakzeptablen Haltung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den größten Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg in tadelloser Weise." Wenn die Flüchtlinge in Ungarn sagten, sie wollten nach Deutschland und nicht nach Europa, habe dies viel zu bedeuten. Es zeige, dass die EU gescheitert sei.