Eigentlich schien alles klar, und die Fronten waren abgesteckt: Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 2016 lief alles auf einen dynastischen Zusammenstoß zwischen den Clintons und den Bushs hinaus; Hillary auf der demokratischen und Jeb auf der republikanischen Seite kämpften um die Präsidentschaft. Man mochte es beklagen, verliehe ein solcher Wettkampf den Vereinigten Staaten doch die Aura einer von mächtigen Clans regierten Bananenrepublik, daran zu rütteln aber gab es nichts.

Der Sommer 2015, obschon noch weit entfernt vom amerikanischen Wahltag, räumte indes mit der angeblichen Unvermeidlichkeit der Bushs und Clintons auf: Statt der Dynastien schoben sich krasse Außenseiter ins politische Rampenlicht, Oldtimer wie der Sozialist Bernie Sanders bei den Demokraten, ein lautstarker Milliardär wie Donald Trump oder der pensionierte Neurochirurg und Afroamerikaner Ben Carson bei den Republikanern. Hatte Bill Clinton als Präsidentschaftskandidat 1992 Empathie versprüht und den amerikanischen Wählern versichert, er fühle ihren "Schmerz", so wurde seiner strauchelnden Gattin jetzt in Umfragen bescheinigt, weder ehrlich noch vertrauenswürdig zu sein.

Auch der Präsidentensohn und -bruder aus dem gegnerischen Lager reüssierte bislang nicht: Eher müde quälte sich Jeb Bush durch den Irrsinn des amerikanischen Langzeitwahlkampfs, überschattet mal von diesem, mal von jenem Konkurrenten. Die Außenseiter hingegen sorgten für Schlagzeilen: Wie das britische Labour-Phänomen Jeremy Corbyn waren sie unerwartete Sensationen, die eine Rebellion der Bürger signalisierten. "Sie lösen bei den Wählern auch deshalb eine emotionale Reaktion aus, weil sie soziale Probleme und Themen ansprechen, die von der politischen Elite ignoriert worden sind", erklärt der republikanische Stratege Shermichael Singleton den Aufstieg der Außenseiter.

Desillusionierte Wähler zieht es zu Außenseitern

So malt der demokratische Kandidat Bernie Sanders, eigentlich ein parteiloser Senator aus dem Neuengland-Staat Vermont, ein ungeschminktes Bild einer zusehends ungleicheren Gesellschaft, der nur mit Lohnerhöhungen und staatlichen Eingriffen nach dem Vorbild skandinavischer Länder beizukommen ist. Hillary Clinton möchte eine Erhöhung des Mindestlohns für die Mitarbeiter von Fast-Food-Restaurants, Sanders dagegen eine Erhöhung für alle. Donald Trump wiederum spricht aus, was viele konservativere Amerikaner nur zu denken wagen: Zu viele Einwanderer, zu viel Kriminalität unter Afroamerikanern, mehr Recht und Ordnung, bitte. Und Ben Carson, mit dem die republikanische Basis nun anzubändeln scheint, steht für einen einzigartigen Lebensweg aus der Armut heraus sowie einen tief empfundenen christlichen Glauben.

Gewiss verdankt sich die Anziehungskraft der Außenseiter einer desillusionierten Wählerschaft, die erzürnt auf Washington blickt, wo sich im allgemeinen Gezänk zwischen Republikanern und Demokraten in den vergangenen Jahren nur wenig bewegt hat. Die politische Klasse der Hauptstadt steckt in einem Reformstau und strahlt nach Jahrzehnten ideologischer Verhärtung und politischer Bosheiten eine miserable Befindlichkeit aus.

Ihr kollektiver Geldbeutel allerdings ist prall gefüllt: Argwöhnisch verfolgten die Amerikaner den Aufstieg der Region Washington zur reichsten des Landes, ein einträglicher Hort für Politiker und ihre Hilfstruppen, die vom Kongress zu den Lobbys und von den Ministerien zur Wirtschaft wechseln. Dass Donald Trump "politisches Nitroglycerin" ist, wie der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich anmerkt, mag zutreffen; andererseits ist Trump keiner, der seine Seele in Wahlkämpfen an den Höchstbietenden verkauft hat. 

Wie weit die Entfremdung zwischen den Bürgern und der politischen Elite gediehen ist, erschloss sich dem renommierten Demoskopen Peter Hart beim Befragen einer zwölfköpfigen Gruppe von Republikanern, Demokraten und Parteilosen in den Vororten von Denver im Januar dieses Jahres: Grimmig urteilten sie über die Kandidaten des Establishments wie Clinton und Bush, bitter beklagten sie die Zustände in Washington. "Was sie uns in erster Linie gesagt haben, lautete: Ich traue diesen Leuten nicht, sie sind alle ein Teil des Establishments, das mir zuwider ist", zog Hart Bilanz.