Nach dem tödlichen Luftangriff auf ihre Klinik in Kundus zieht sich die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen aus der umkämpften nordafghanischen Stadt zurück. Dies teilte Sprecherin Kate Stegeman mit. Die Klinik sei "nicht mehr nutzbar", sagte sie. Die Organisation sei nicht mehr dort tätig, dringend behandlungsbedürftige Patienten seien in andere Kliniken gebracht worden. "Ich kann derzeit nicht sagen, ob das Traumazentrum wiedereröffnet wird oder nicht", sagte die Sprecherin. Einige Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen seien noch in zwei anderen Kliniken tätig, wo einige der Verwundeten untergekommen seien.


Während des Bombardements waren tags zuvor nach derzeitigem Stand mindestens 22 Menschen ums Leben gekommen. Das schrieb die Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen, Kate Stegeman, auf Twitter. Demnach starben 12 Mitarbeiter der Hilfsorganisation und 10 Patienten. Am Samstag war zunächst die Rede von 19 Toten gewesen. Es gab über 30 Verletzte.

Der Ablauf der Ereignisse blieb unklar. Die US-Luftwaffe schloss selbst nicht aus, dass sie die Klinik versehentlich getroffen hat. Die afghanische Regierung legte jedoch nahe, das Krankenhaus könnte gezielt beschossen worden sein.

Dort hätten sich bewaffnete Terroristen verschanzt und "die Gebäude und die Menschen im Innern als Schutzschild" benutzt, sagte der stellvertretende Sprecher des Verteidigungsministeriums, Dawlat Wasiri, der Nachrichtenagentur AP. Hubschrauber hätten die Kämpfer beschossen und Schäden an den Gebäuden verursacht. Innenministeriumssprecher Sedik Sedikki sagte: "Alle Terroristen wurden getötet, aber wir haben auch Ärzte verloren."

Dieser Darstellung widerspricht die Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen, Kate Stegeman. Sie sagte, zum Zeitpunkt des Angriffs seien keine Aufständischen im Gebäude gewesen. Das behaupten auch die Taliban. Auf Videobildern der Nachrichtenagentur AP sind allerdings automatische Waffen – darunter mindestens ein Maschinengewehr – in Fensterhöhlen des ausgebrannten Gebäudes zu sehen. Nicht auszuschließen, dass diese von Talibankämpfern stammen.

Krankenhäuser und humanitäre Einrichtungen sind auch in Konflikten völkerrechtlich geschützt. Wäre die Klinik wirklich absichtlich ins Visier genommen worden, könnte dies ein Kriegsverbrechen sein, sagte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein. Er nannte den Zwischenfall "tragisch, unentschuldbar und womöglich sogar kriminell". Ärzte ohne Grenzen selbst bezeichnete den Angriff als "schweren Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht" und forderte eine unabhängige Untersuchung.

US-Präsident Barack Obama kündigte volle Aufklärung an und bekundete den Opfern sein Beileid. Vor Abschluss der Ermittlungen wollte er den Sachverhalt aber nicht beurteilen. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani erklärte, eine Untersuchung sei bereits im Gange.

30 Minuten Beschuss

Kundus war am Montag von radikalislamischen Taliban eingenommen worden. Afghanische Truppen begannen am Donnerstag mit der Rückeroberung und erhielten dafür Luftunterstützung der Nato. Die meisten Taliban scheinen aus der Stadt geflohen zu sein. Doch gibt es nach wie vor Gefechte. 

Ärzte ohne Grenzen hatte nach eigenen Angaben in den vergangenen Tagen knapp 400 Patienten in der Klinik versorgt. Zum Zeitpunkt des Luftangriffs waren demnach 105 Patienten und Angehörige sowie mehr als 80 internationale und afghanische Mitarbeiter im Gebäude. Der Beschuss soll 30 Minuten lang angedauert haben. Die Klinik lag danach weitgehend in Trümmern. 

Kundus hat rund 300.000 Einwohner. Bis Oktober 2013 war die Bundeswehr im Rahmen der Nato-Schutztruppe Isaf dort stationiert.