Woran genau ist die Nato, ist Deutschland, in Afghanistan gescheitert? Warum werden all die Schulen, Brunnen, Kasernen und wahrscheinlich auch Regierungsgebäude in Kabul demnächst zurück in die Hände der Taliban fallen? Gibt es eine schlichte Antwort auf die Frage, wieso fünfzehn Jahre Aufbau-Anstrengung einer breiten Staatenkoalition so wenig dazu beigetragen haben, aus Afghanistan einen wenigstens halbwegs funktionieren Staat zu machen?

Eine Ahnung kam mir vor einigen Jahren bei einem Hubschrauberflug über den Norden des Landes. Der Bundeswehrhelikopter preschte im bodennahen Konturenflug von Masar-i-Scharif nach Kundus. Aus der offenen Heckklappe boten sich spektakuläre Bilder. In einem fruchtbaren Flusstal knieten Bauern auf den Feldern neben ihren Lehmbauhütten. Etwas weiter, an seinem Bergkamm, wühlten sich schwere Baumaschinen über einen Pfad, der eine Asphaltstraße werden sollte. Als nächstes zog der Hubschrauber in die Höhe, über die Bergkuppe hinweg auf eine Hochebene. Mitten in der grauen Wüste campierte eine Familie mit ihren Tieren. Nomaden, nahm ich an. Ich fühlte mich wie in anderes Zeitalter gebeamt – und die Nomaden, die ihre Köpfe hoben, wahrscheinlich auch.

Nehmen wir an, Deutsche aus dem Jahr 2002 wären im Deutschland des Jahres 1402 gelandet. Was könnten sie tun, um diese Gesellschaft in die Moderne und die Demokratie zu führen? Natürlich: So gut wie gar nichts. Kulturen lassen sich nicht von oben verändern, und solange sich Kultur nicht verändert, wird sich am Staatswesen nichts ändern.

Wir hätten es wissen können. Von dem Rechtsphilosophen und Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde stammt das berühmte Diktum, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Mit diesen Voraussetzungen meint Böckenförde ein verbindendes Ethos, einen Gemeinsinn, der sich nicht erzwingen lässt, sondern der gespeist werde durch gelebte Kultur. "Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur?", fragt Böckenförde. Und antwortet: "Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus."

Genau solche Quellen konnte die Bundeswehr in Afghanistan niemals erbohren. Aufklärung und Gemeinschaftsethos müssen aus einer Gesellschaft selbst kommen, notfalls über Jahrhunderte. Sicher, in den Schulen und den Polizeistuben Afghanistans wird der Westen einige Gedankenpflanzen zurückgelassen haben, die weiterwachsen.

Aber ist das Wunschdenken, mithilfe einiger Hunderttausend Soldaten den Charakter eines Volkes ändern zu wollen, nicht genauso absurd wie die Angst, einige Hunderttausend Flüchtlinge könnten das Abendland islamisieren?

Erweitern wir das Böckenförde-Diktum um einen logischen Schritt, dann haben wir eine schlichte Antwort auf die Frage nach dem Scheitern: Ein Staat lebt von Voraussetzungen, die weder er selbst, geschweige denn ein anderer schaffen kann.