Sie reagierte allerdings auf Kritik aus anderen EU-Ländern, die deutsche "Willkommenskultur" habe viele Flüchtlinge erst dazu ermutigt, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Man müsse "verantwortungsbewusst mit der Anziehungskraft Europas umgehen", forderte die Kanzlerin jetzt,  "dort ansetzen, wo Flucht und Vertreibung verursacht werden". Das Dubliner Abkommen, demzufolge Flüchtlinge in dem Land einen Asylantrag stellen müssen, in dem sie zuerst EU-Gebiet betreten, "war gut gemeint, hat sich aber als nicht tragfähig erwiesen", räumte sie ein.  

Hollande beerdigte implizit das Schengen-Abkommen der offenen Grenzen in Europa. "Es wäre ein großer Fehler anzunehmen, dass Schengen in seiner heutigen Form ausreicht. Ein genauso großer Fehler wäre es aber, die Grenzen wieder zu schließen", fügte er an. Ein gemeinsames europäisches Asylverfahren sei jetzt nötig.  

Verhandeln mit Assad?

Europa habe "zu lange gebraucht, um zu verstehen, dass die Tragödien nicht ohne Konsequenz für uns bleiben", sagte Hollande auch. Für Hollande kommt Syriens Staatschef Baschar al-Assad jedoch nicht als Verhandlungspartner infrage. Die Bundeskanzlerin dagegen hält eine Beendigung des Krieges in Syrien nur mit Assads Mitwirkung für möglich. 

Der wachsende Nationalismus in den EU-Mitgliedsstaaten macht beiden Sorge. Nationalismus sei gleichbedeutend mit Krieg, dieser Satz des ehemaligen französischen Präsidenten Mitterrand gelte noch heute, betonte Hollande. Genauso gefährlich sei aber der zu beobachtende "Souveränismus". Denn der Hoheitsanspruch der einzelnen Mitgliedsländer bedeute einen Niedergang Europas. 

Nein, ein Ruck ging am Mittwochnachmittag nicht durch die Ränge des EU-Parlaments. Die Erwartungen waren vermutlich zu hoch geschraubt. Und für hoffnungsvolle Botschaften lassen sich leichter Anhänger finden als für Krisenbewältigung.