Mit den Anschlägen von Ankara ist der Krieg endgültig im Westen der Türkei angelangt. Während im kurdischen Osten des Landes schon seit Wochen Ausnahmezustand herrscht, ging das Leben hier weitgehend normal weiter. Nach den Bombenexplosionen mit beinahe 100 Toten und 246 Verletzten in der Hauptstadt steht das ganze Land unter Schock.

Für viele Kurden ist der Massenmord allerdings keine große Überraschung. "Es ist so schlimm zurzeit, ich habe jeden Tag Angst, und ich bin sicher, dass es bis zum 1. November immer schrecklicher wird", hatte Gamze aus Diyarbakır nur einen Tag vor den Anschlägen gesagt.

Gamze steht dem kürt hareket nahe, einer meist friedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppe, die sich hauptsächlich aus jungen Kurden und türkischen Linken zusammensetzt. Die Bewegung hat sich in den vergangenen Jahren aus dem bewaffneten Kampf der PKK gegen die Unterdrückung des türkischen Staates herausgebildet. Sie organisiert politische und kulturelle Veranstaltungen und Hilfsprojekte für die Flüchtlinge aus Kobane. Die Mitglieder stehen der prokurdischen HDP nahe, die im Juni mit historischen 13 Prozent ins türkische Parlament einzog und der Regierungspartei AKP die bis dahin unantastbare Mehrheit kostete.

Kaum mehr als einen Monat nach der Wahl tötete ein Selbstmordattentäter im kurdischen Suruç auf einer sozialistischen Jugendversammlung mehr als 30 Menschen, die meisten davon junge Studenten. Die Regierung sah von einer offiziellen Staatstrauer ab und gab unverzüglich bekannt, die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sei für den Anschlag verantwortlich. Eine offiziell anerkannte Bestätigung der Gruppe existiert bis heute nicht.

Und jetzt, zwei Wochen vor den Neuwahlen? Die türkische Regierung beeilte sich, alle Terrorgruppen zu verdächtigen, gegen die sie offiziell oder tatsächlich kämpft: Den IS, der im Irak und in Syrien gegen die Kurden kämpft, die linksradikale DHKP-C und die kurdische PKK. Ultrarechte Gruppen, die erst vor einer Woche öffentlich dazu aufforderten, "Blut in Strömen fließen" zu lassen, sollte die Armee müde werden, spielen bei den Verdächtigungen dagegen keine Rolle.

Feindbilder für den Wahlkampf

Das Vorgehen ist nicht neu. Seit mehr als einem Jahr wiederholen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und sein ergebener Premierminister Ahmet Davutoğlu kontinuierlich die Gleichwertigkeit des PKK- und IS-Terrors. Die Bedrohung durch die beiden Organisationen gilt als entscheidender Grund für das Wahlkampfprojekt der AKP: Ein neues, viel kritisiertes Sicherheitspaket, um die Einheit der türkischen Republik zu schützen. 

Die Annahme, die PKK initiiere ein Massaker an ihren eigenen Sympathisanten, um sich als Opfer zu stilisieren, scheint konspirativ. Allerdings herrschen seit knapp zwei Monaten erstmals Meinungsverschiedenheiten zwischen dem militärischen Flügel der kurdischen Arbeiterpartei und ihren als gemäßigt geltenden Anhängern aus der kurdischen Bewegung.

Die Friedenskundgebung in Ankara war nicht die erste ihrer Art. Seit Wochen demonstrieren in den kurdischen Städten wie Diyarbakır, aber auch in Istanbul Kurden und Türken für ein Ende der Gewalt zwischen dem türkischen Militär und den Guerillas. In die nationalen Nachrichten schafften es diese Forderungen aber nie. Stattdessen wurden nur die Särge gefallener türkischer Soldaten in den Staatsmedien gezeigt. Die Leichen kurdischer Kämpfer landeten in Einzelfällen nackt auf einem Marktplatz oder mit einem Strick um den Hals an Anhängerkuppeln – den Großteil der Toten, darunter viele Zivilisten, vergruben die Angehörigen ohne Beisein irgendwelcher Kameras.