Das Urteil des britischen Economist saust wie ein Fallbeil nieder: Putin dares, Obama dithers, lautet die Überschrift eines Leitartikels in der jüngsten Ausgabe. Übersetzt: "Putin wagt, Obama wackelt."

So raunen es die Konservativen: Barack Obama in seiner Schwäche räume freiwillig und ohne Not das Feld. Erst ziehe er die US-Truppen zu früh aus dem Irak ab, dann aus Afghanistan, in Syrien schließlich halte er sich gleich ganz raus. Die Weltmacht Amerika danke ab.

Doch so weit ist es noch nicht, und so weit wird es auch nicht kommen. Richtig ist: Unter Obama legen sich die Vereinigten Staaten Beschränkungen auf, an die sich die Welt erst gewöhnen muss. Allerdings ist Obama genau dafür auch gewählt worden. Barack Obama war die Antwort auf George W. Bush, der erst schoss und dann Fragen stellte, und er will im Gegensatz zu Bush als der Präsident in die Geschichte eingehen, der sein Land aus alten Kriegen herausgeführt hat. Nicht in neue hinein. 

Im Januar 2015 hat er es so formuliert: "Wir müssen mit einer gewissen Demut begreifen, dass wir nicht die Option haben, in jedes Land einzumarschieren, in dem Unordnung ausbricht. Und dass die Menschen in diesen Ländern ihren eigenen Weg finden müssen. Wir können ihnen dabei helfen, aber wir können es nicht für sie tun."

Nun herrscht in Syrien mehr als nur "Unordnung". Und man kann trefflich darüber streiten, ob ein amerikanisches Eingreifen etwa im Jahr 2012 das Schlimmste verhindert hätte. Auch wenn man bei nüchterner Analyse zu dem Schluss kommen wird, dass eine Intervention genauso unkalkulierbar gewesen wäre wie heute.

Was man aber nicht bestreiten kann: Amerika war schon damals zutiefst kriegsmüde – oder, wie der konservative Publizist Robert Kagan meint, präzisieren zu müssen: "weltmüde". Eine Weltmacht, die weltmüde wird, ist natürlich ein Problem. Vor allem für all jene, die sich darauf verlassen haben, dass die USA, immer wenn es eng wird, als Erste die Panzer rollen und die Flugzeuge aufsteigen lassen. In dieser Vorstellung waren sich Fans und Feinde der Vereinigten Staaten lange einig.

Syrien ist "deren Kampf, nicht unser"

Und nun? Da trifft man einen hohen Geheimdienstmann, der über den Bürgerkrieg in Syrien in aller Ruhe sagt: "Das ist deren Kampf, nicht unser." Und ein ehemaliger Vier-Sterne-General erklärt auf die Frage, was sein Land gegen den Massenmörder Assad zu tun gedenke, kategorisch: "Jedenfalls keinen Krieg führen. Dreizehn Jahre lang haben wir das in zwei Ländern getan, zehntausend unserer Soldaten sind gefallen. Und jetzt wollen Sie uns einen Krieg gegen Assad aufbürden? Nicht mit uns!"

Entsprechend halbherzig haben sich die Vereinigten Staaten auch auf den Luftkrieg gegen den "Islamischen Staat" eingelassen. Erst die Intervention Putins scheint wieder Bewegung in die von Amerika geführte Anti-IS-Koalition zu bringen. Insofern funktionieren die alten Reflexe nach wie vor. Keine Sorge also, die Weltmacht ist nicht weltmüde.

Es sollte auch niemand glauben, Obama – oder jeder andere US-Präsident – wäre nicht bereit, das Militär – die mit riesigem Abstand größte Streitmacht der Welt – zum Schutz des eigenen Landes und seiner Interessen einzusetzen. Etwas zurückhaltender aber könnte Washington künftig sein, wenn es um die Interessen anderer geht. Vor allem dann, wenn diese verantwortungslos und inkompetent handeln, wie im Mittleren Osten Amerikas wichtigster Verbündeter Saudi-Arabien. Kein Land hat mehr zur Verbreitung des Islamismus beigetragen, den es jetzt, da er sich zur barbarischen Form des "Islamischen Staates" gesteigert hat, in Syrien und im Irak bekämpfen hilft.

Obama, der Diplomat

Es wäre absurd, anzunehmen, die USA könnten eine so wichtige und gefahrenvolle Weltregion wie den Mittleren und Nahen Osten sich selbst überlassen. Auch aus Europa wird sich Amerika nicht zurückziehen. Aber es wird von den Verbündeten einen größeren Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit verlangen.

Insofern war George W. Bush der bequemere Präsident. Der anspruchsvollere ist Barack Obama. Er mag manchmal die falschen Signale ausgesendet haben, etwa als er beim Einsatz von Chemiewaffen in Syrien eine "rote Linie" zog, ohne dann zu handeln, als Assad diese überschritt. Aber alles in allem ist die Welt mit ihm sicherer geworden, weil er stets der Politik den Vorrang gibt und geduldig nach diplomatischen Lösungen sucht. Sein bisher wichtigster Erfolg war dabei das Nuklearabkommen mit dem Iran.

Leider schlägt das Pendel der amerikanischen Politik regelmäßig sehr heftig in die Gegenrichtung aus. Möge ein gnädiges Schicksal uns davor bewahren, dass demnächst ein Präsident Donald Trump in Washington den Bush gibt. Käme es doch so, dürften die meisten der heutigen Kritiker voller Dankbarkeit an die Zeit zurückdenken, als im Weißen Haus noch Barack Obama zögerte und zauderte.