Es war ein historischer Moment für Argentinien, und im Mittelpunkt stand ein leerer Stuhl. Zum ersten Mal in der Geschichte des südamerikanischen Landes sind vor drei Wochen die Präsidentschaftskandidaten bei einer Fernsehdebatte aufeinander getroffen. In einem politisch so polarisierten Land wie Argentinien ist das schon ein großer Fortschritt.

Normalerweise informieren sich die Anhänger des Regierungslagers ausschließlich in den ihnen nahe stehenden Sendern und Zeitungen. Und die Unterstützer der Opposition verfolgen ausschließlich jene Medien, die klar auf Konfrontation mit der Regierung setzen. Es gibt Kioske in Buenos Aires, die ausschließlich Zeitungen des einen Lagers führen. Nebeneinander gelegt scheinen die unterschiedlichen Blätter aus unterschiedlichen Ländern zu berichten: Feiert Pagina12 den Rückgang der Armut und der Arbeitslosigkeit, sieht Clarín am selben Tag Argentinien kurz vor der Kollaps.

Die TV-Debatte aber konnte hier auch keine Annäherung herstellen. Anstatt aufeinander einzugehen, leierten die Teilnehmer ihre Themen runter. Und der aussichtsreichste Kandidat für die am heutigen Sonntag stattfindende Wahl, Daniel Scioli, erschien erst gar nicht. Stattdessen besuchte der 58-jährige Gouverneur der Provinz Buenos Aires die Endausscheidung eines Musikwettbewerbs in der Hauptstadt.

Scioli, Kandidat der Frente para la Victoria (FPV), führt in den Umfragen wie schon bei den Vorwahlen im August mit knapp 40 Prozent klar vor dem Zweitplatzierten Mauricio Macri (Cambiemos), der bei etwa 30 Prozent liegt. Auch dem abtrünnigen Kirchneristen Sergio Massa, der bei etwa 20 Prozent steht, ist er weit voraus.

Auf die Debatte verzichtete Scioli aber nicht aus Bequemlichkeit. Vielmehr will er seinen Gegnern keine Chance für einen Angriff liefern. Kommt Scioli nicht auf die Marke von 45 Prozent oder wenigstens 40 Prozent bei gleichzeitig zehn Punkten Vorsprung, muss er dem argentinischen Wahlrecht gemäß in die Stichwahl. Scheitert er hier, könnten seine Widersacher sich in einer Stichwahl Ende November hinter den Gegner Macri versammeln und diesen in das Präsidentenamt hieven.

Zwar spricht derzeit wenig dafür, dass die Wähler der sehr unterschiedlichen Konkurrenten aus den Lagern der Sozialisten, abtrünnigen Peronisten, Rechten und Liberalen zusammenfinden. Dennoch ist das Land in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Und gemeinsame Feinde können Freundschaften entstehen lassen.

Cristina Kirchner hat zur Spaltung der Bevölkerung beigetragen

Scioli gehört den Kirchneristen an, die seit zwölf Jahren das Sagen haben. Deren Anführerin, die amtierende Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Bevölkerung sie entweder glühend verehrt oder hasst – und dadurch in zwei Lager gespalten ist. Diplomatie ließ sie nicht nur vermissen, wenn sie sich bei einem Staatsbesuch in China über den Akzent der Gastgeber lustig machte. Sie weigert sich zudem beharrlich, mit internationalen Gläubigern zu verhandeln und gängelte die oppositionelle Presse. Mit dem Ausbau des Sozialstaats und ihren Wirtschaftsreformen brachte sie sämtliche Unternehmer gegen sich auf.

Mit der gleichen Chuzpe allerdings wagten sie und ihr Vorgänger, ihr verstorbener Ehemann Néstor, sich an die Aufarbeitung der Militärdiktatur. Die Mehrheit der Argentinier liebt Cristina Kirchner. Dürfte sie erneut antreten, die anderen Kandidaten bräuchten wohl gar nicht erst ins Rennen zu gehen.

Allerdings hat sie es verpasst, einen Nachfolger aufzubauen. Im jetzt zu Ende gehenden Wahlkampf unterstützte Kirchner Scioli – allerdings nicht ganz freiwillig. Denn Scioli, dieser unternehmerfreundliche und liberale Vertreter ihres Lagers, denkt in zentralen Punkten anders als Kirchner. Seine Umfragewerte allerdings waren so gut, dass kaum ein Weg an ihm vorbeiführte.

Scioli tut zudem alles, um sich als Kandidat der Mitte zu präsentieren. Im Wahlkampf blieb der Sprössling einer wohlhabenden Familie so vage, wie es eben ging. Wie seine Mitbewerber weiß er, dass die Wirtschaft reformiert und die Währung deutlich abgewertet werden müssen. Dies alles sind sehr unangenehme Nachrichten, vor allem für die linken Kirchneristen.

Schmerzhafte Eingriffe in sanften Schritten

Anders als sein Konkurrent Macri aber wird Scioli die schmerzhaften Eingriffe in sanften Schritten vornehmen. Scioli weiß, dass die Argentinier nach den exzessiven Privatisierungen in den 1990er Jahren und dem Staatsbankrott 2001 dem Finanzsystem sehr skeptisch gegenüberstehen. So ist er der Mittelweg zwischen rechtem und linkem Lager. Im Wahlkampf betonte er immer wieder, wie wichtig ihm eine Aussöhnung sei.

Dabei präsentiert sich Scioli als Macher, der Rückschläge wegstecken kann. Seine Unterstützer werden nicht müde zu erzählen, wie der damals 25 Jahre alte Rennbootfahrer 1989 seine rechte Hand bei einem Unfall verlor. Und wie er anschließend wieder ins Boot stieg und mehrfacher Weltmeister wurde. Scioli versteht es außerdem, Bündnisse zu schmieden. Seine politische Karriere begann an der Seite des umstrittenen Vorgängers der Kirchners, Präsident Carlos Menem. Erst kurz vor dessen Niederlage gegen Néstor Kirchner wechselte Scioli die Seiten. Jetzt beruft er Provinzgouverneure in sein Schattenkabinett ein, um deren Befürchtungen zu zerstreuen, er wolle die Macht weiter konzentrieren.

Neben den Gouverneuren wurden vor allem enge Vertraute von Cristina Kirchner mit Posten bedacht. Vizepräsident soll Carlos Zannini werden, der derzeitige Wirtschaftsminister Axel Kicillof soll der wichtigen Haushaltskommission vorsitzen, welche unter anderem die Verhandlungen über die Schulden führt. Der etwas hölzerne Scioli war im Wahlkampf auf die Unterstützung der Cristina Kirchner angewiesen, und die gibt es nicht ohne Gegenleistung.

Eine Marionette ist Scioli aber nicht. Nach dem wahrscheinlichen Wahlsieg kommt es für ihn vor allem darauf an, den zu erwartenden Gegenwind bei den Wirtschaftsreformen auszuhalten. Dafür muss er neue Verbündete finden, denn auf die Kirchneristen sollte er sich nicht verlassen. Cristina Kirchner bat bereits ihre Anhänger, dafür zu sorgen, dass sie nicht zurückkommen muss. Scioli hat die Drohung verstanden. Bei seinem letzten Wahlkampfauftritt forderte er, Argentinien müsse endlich zur Normalität zurückkehren.