ZEIT ONLINE: Das Nobelpreiskomitee hat das tunesische Quartett für den nationalen Dialog mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wie beurteilen Sie die Entscheidung?

Antonakis: Die Idee, die zivilgesellschaftlichen Kräfte für ihr Engagement in der Zeit nach der Revolution in Tunesien auszuzeichnen, finde ich sehr gut. Das Quartett, das ausgezeichnet wurde, besteht aus gut institutionalisierten und vernetzten zivilgesellschaftlichen Akteuren, die 2013 als Korrektiv in den politischen Prozess eingegriffen haben und mit ihrer Aufforderung zum Dialog, eine Vertiefung der Krise verhindert haben. Es ist aber gefährlich, wenn der Preis nun darüber hinwegtäuscht, dass die Ziele der Proteste noch lange nicht erreicht sind.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie Probleme?

Antonakis: Die aktuelle Regierung unter Präsident Béji Caïd Essebsi fährt einen Kurs der Stabilität und Sicherheit. Auf den ersten Blick scheint das wünschenswert. Allerdings werden für diese neue Agenda all jene unterdrückt, die sich von der Revolution der Jahre 2010 und 2011 mehr erhofft haben als nur eine Rückkehr zum Status quo. Im Parlament stellt die Linkspartei die einzige Opposition. Deshalb hoffe ich, dass die Weltöffentlichkeit den Preis zum Anlass nimmt, künftig genauer auf Tunesien zu schauen.

Anna Antonakis ist Doktorandin der Stiftung Wissenschaft und Politik und beschäftigt sich seit Jahren mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen in Tunesien. © Stiftung Wissenschaft und Politik

ZEIT ONLINE: Das Land gilt als Vorreiter in der arabischen Welt. Sie hingegen zeichnen ein düsteres Bild. Wie kommt das?

Antonakis: Düsterer nicht, aber differenzierter. In Tunesien bilden heute unter anderem zwei Parteien die Einheitsregierung, die eigentlich verfeindet sind: Die säkulare Nidaa Tounes und die muslimisch-konservative Ennahda-Partei. Beide Bewegungen haben sich im Wahlkampf regelrechte Schlachten geliefert – heute regieren sie gemeinsam das Land.

Obwohl sich beide Parteien unter Mithilfe der Dialog-Gruppe auf eine Verfassung einigen konnten, wird diese heute kaum mehr beachtet. Das Gesetz zum Verbot von Homosexualität ist gerade aktuell wieder umstritten und eigentlich mit der Verfassung von 2014 nicht vereinbar. Oder der neu eingebrachte Gesetzesvorschlag zu einer Amnestie für alle Wirtschaftskriminelle, die unter dem Diktator Ben Ali Verbrechen begangen haben.