Es ist immer ein großes Risiko, einem amtierenden Staatschef den Friedensnobelpreis zu verleihen. Zumal wenn er nicht das Fürstentum Liechtenstein regiert, sondern eine waffenstrotzende Supermacht. Denn einen reinen Friedensengel wird man im Oval Office niemals finden.

Deshalb stockte dem Nobelpreiskomitee auch der Atem, als Barack Obama im Winter 2009, der da gerade erst ein knappes Jahr am Amt war, in seiner Dankesrede klarmachte, dass er als Präsident der Vereinigten Staaten und als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte keineswegs Gewaltverzicht üben würde. Punkt für Punkt legte er dar, wann er es für gerechtfertigt hielte, zu den Waffen zu greifen. Das waren viele Punkte, zu viele.

Aber dieses prinzipielle Problem mal außer Acht gelassen: 2009 gab es keinen einzigen Grund, Obama mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Heute, im Nachhinein, ließen sich aber durchaus einige Gründe auflisten.

2009 ehrte man einen Präsidenten, auf dem zwar große Hoffnungen und riesige Erwartungen ruhten, der aber noch nichts geleistet hatte. Obama hatte die Wahl 2008 mit dem Versprechen von "hope" und "change" gewonnen. Und mit seiner Verheißung, die verheerenden Kriege seines Vorgängers zu beenden, Gegnern die Hand auszustrecken und der Diplomatie wieder Vorrang einzuräumen, begeisterte er die Welt. Aber es waren eben nur Reden und vollmundige Versprechen. Noch war davon nichts umgesetzt.

Heute, sechs Jahre später, erscheint die damalige Ehrung in einem anderen Licht. Ohne Zweifel, Obamas Sündenregister bleibt lang. Nur zwei Beispiele: Er hat entgegen seiner Ankündigung noch immer nicht das Gefangenenlager Guantánamo geschlossen. Und den unter George W. Bush begonnenen Drohnenkrieg hat er sogar maßlos ausgeweitet.

In diesem für Amerika opferlosen Krieg werden nicht nur – ohne Prozess und Beweisführung – mutmaßliche Terroristen getötet, sondern auch Tausende von zivilen Opfern. Schonend, chirurgisch, kurzum: verhältnismäßig sollte dieser Krieg sein. Absolut unverhältnismäßig und rechtswidrig ist er geworden. Nicht nur kostet er viele unschuldige Menschen das Leben, sondern er treibt Al-Kaida, dem IS und den Taliban in Scharen neue Anhänger zu. Interne Untersuchungen des Geheimdienstes CIA und Anhörungen im US-Kongress haben das bestätigt.

Militärische Zurückhaltung und internationale Einbindung

Und dennoch: Gegen gewaltige Widerstände im eigenen Land und im Nahen Osten hat Obama ein Atomabkommen mit dem Iran geschlossen und damit einen weiteren Krieg – zumindest vorerst – verhindert. Überdies hat er nach jahrzehntelanger Blockadepolitik diplomatische Beziehungen zu Kuba aufgenommen und damit Spannungen in ganz Lateinamerika gelöst.

Und Obama hat, was inmitten des nahöstlichen Chaos zu schnell in Vergessenheit gerät, nicht nur die amerikanischen Truppen aus dem Irak und den größten Teil der US-Soldaten aus Afghanistan abgezogen. Er hat auch eine neue außen- und sicherheitspolitische Doktrin entworfen, die sich fundamental von der kriegslüsternen Politik seines Vorgängers unterscheidet.

Diese Doktrin fußt auf fünf Prinzipien. Erstens, die wichtigste Lehre aus den verheerenden Erfahrungen von Vietnam bis Irak lautet: militärische Zurückhaltung. Selbst gegenüber Erzfeinden– siehe Iran – müssen Dialog und Verhandlungen Vorrang haben.

Zweitens, außenpolitische Überzeugungen und Direktive, die keine Erfolge gebracht haben, werden – siehe Kuba – revidiert. Drittens: Allein und ohne Rücksicht auf andere wird Amerika nur dann zu den Waffen greifen, wenn es selber angegriffen wird oder seine prinzipiellen Interessen in existenzieller Gefahr sind. Ansonsten wird es – siehe Libyen, Syrien und Irak – nur dann militärisch aktiv werden, wenn, viertens, die internationale Gemeinschaft dahintersteht. Und wenn sich, fünftens, auch andere Staaten, vor allem regionale Mächte wie etwa die Arabische Liga, dem Waffengang anschließen.

Lehren aus der verfehlten Politik von George W. Bush

Obama wird immer wieder vorgeworfen, er sei zu zögerlich und halte sich nicht einmal an die von ihm selber gezogenen roten Linien. Er hätte die syrischen Chemiewaffenlager bombardieren und Teilen der syrischen Opposition beherzter unter die Arme greifen sollen.

Doch wer so redet, verdrängt die verheerende Geschichte amerikanischer Einmischungen der letzten Jahrzehnte. Die Amerikaner haben die Taliban erst mächtig gemacht, ihr Einmarsch im Irak hat die gesamte Region in Aufruhr versetzt und ins Chaos gestürzt.

Alle Warnungen in den Wind schlagend, dachte George W. Bush, mit dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein würde in der Region eine Despotie nach der anderen fallen, würde sich in Windeseile von Damaskus über Teheran bis Bagdad Demokratie ausbreiten. Diesem Irrtum ist Obama zum Glück nicht erlegen.

Ob ihm wegen seiner Verdienste nachträglich der Friedensnobelpreis gebührt? Das wird am Ende die Geschichte erweisen müssen, aber es lassen sich einige Gründe dafür finden.