Als Sudheendra Kulkarni nach neun Uhr zusammen mit seiner Tochter die Wohnung verließ um ins Büro zu fahren, wusste er noch nicht, dass er seinen öffentlichen Auftritt an diesem Tag früher haben würde als geplant. Eigentlich wollte er am Abend gemeinsam mit dem ehemaligen Außenminister Pakistans, Khurshid Mahmud Kasuri, dessen Buch Weder Falke noch Taube vorstellen. In seinem Werk gibt Kasuri zum Teil brisante Details pakistanischer Außenpolitik während der Regierungszeit Pervez Musharrafs preis, insbesondere bezüglich des angespannten Verhältnisses der Erzfeinde Indien und Pakistan.

Doch Kulkarni kam nicht weit. Am King’s Circle mitten in Mumbai wurde der Vorsitzende des konservativen Think Tanks Observer Research Foundation von mehreren Männern aus dem Wagen gezerrt. Kulkarni hatte keine Chance, sich zu wehren. Die Männer, die Embleme der Shiv Sena Partei trugen (ihr Wahrzeichen ist Pfeil und Bogen) und "Hoch lebe Shiv Sena" riefen, schmierten seinen gesamten Kopf, Gesicht und Haare mit schwarzer Farbe ein. Sie wollten die Buchvorstellung des ehemaligen pakistanischen Spitzenpolitikers verhindern. Den Radikalen gilt Kasuri als "anti-indisch", in ihm sehen sie einen, der die Separatisten in Kaschmir unterstützt. Und denjenigen, der Kasuri zu dem Auftritt verholfen hatte, den wollten sie im wahrsten Sinne des Wortes anschwärzen.

Bevor Kulkarni sich zum Entfärben in ein Krankenhaus begab, ging er an die Öffentlichkeit: Die Fernsehsender überschlugen sich mit Breaking News, der Mann in Schwarz glänzte auf allen Bildschirmen. Er schien komplett mit Pech überzogen. Neben ihm saß der Autor des umstrittenen Buches. Die Shiv-Sena-Aktivisten, die das Buch am liebsten verbieten lassen wollen, hatten ihm zu größtmöglicher Aufmerksamkeit verholfen.

"Anschlag auf die Demokratie"

Sofort brach eine Debatte los, die seit einiger Zeit über das Selbstverständnis einer sich im Umbruch befindenden, tief gespaltenen Gesellschaft geführt wird. Die Front verläuft grob zwischen jenen, die weiterhin einen säkularen Staat wollen und jenen, die ihm eine hinduistisch-nationalistische Grundordnung verpassen wollen. Parteipolitisch stehen sich vereinfacht gesagt, die alte, über Jahrzehnte herrschende Kongresspartei und die BJP von Premierminister Narendra Modi gegenüber, die auf die nationalistische Hindu-Ideologie Hindutva rekurriert. Shiv Sena, deren Aktivisten den Angriff führten, steht politisch noch weiter rechts als die BJP. Es ist eine regionale hinduistische Partei im Bundesstaat Maharashtra (Hauptstadt: Mumbai) und bildet dank etlicher Abgeordneter im Parlament in Delhi auf nationaler Ebene – ähnlich der CSU in Deutschland – eine Koalition mit der BJP.

"Dies ist ein Anschlag auf die Demokratie". Mit diesen Worten legte der kohlrabenschwarze Kulkarni bei der Pressekonferenz selbst die Messlatte auf. Und siehe da: Selbst den Hindu-Nationalisten von der BJP ging der Angriff aus den Reihen der Verbündeten zu weit. Wie das übrige politische Spektrum (die Kongresspartei nannte die Shiv-Sena-Verantwortlichen "indische Taliban") verurteilten auch führende Vertreter der BJP die Attacke auf Kulkarni, der selbst der BJP angehört und enger Berater des ehemaligen Parteichefs LK Advani war. Dass allerdings zwei Seelen in mancher Brust von BJP-Funktionären schlagen, zeigte eine Äußerung von Maharashtras Ministerpräsident Devendra Fadnavis. Gegenüber der Hindustan Times sagte er: "Wir unterstützen den Auftritt von Mr. Kasuri nicht, können jedoch unseren Staat nicht zu einer Bananenrepublik werden lassen." Die ganze Aktion schade dem Ansehen Maharashtras.

Die politischen Vertreter der Rechtsaußen-Gruppierung nahmen weniger Rücksicht auf die Staatsräson. Es ist klar: Die Anschwärz-Aktion war ganz im Sinne höchster Parteikreise von Modis Koalitionspartner: Der Sena-Vorsitzende Aaditya Thackeray tat die Attacke als einen "nicht gewaltsamen Vorfall" ab. Der Sena-Parlamentsabgeordnete Sanjay Raut nannte Kulkarni einen "Agenten Pakistans", weil er Kasuri zu der Buchvorstellung eingeladen hatte. Der Angriff auf Kulkarni sei "milde" gewesen, nichts anderes als eine "demokratische Reaktion".

Dass die Tat im Verständnis der Sena tatsächlich "milde" war, zeigt ein Blick in ihr politisches Vorstrafenregister. Denn deren Parteisoldaten können noch ganz anders: Anfang der 90er-Jahre starben Hunderte Menschen, nachdem Hindu-Nationalisten die Babri-Moschee in Ayodhya in Schutt und Asche gelegt hatten. Dabei schürten Shiv-Sena-Aktivisten die Unruhen in Bombay. 2003 waren sie für Tumulte während eines Cricket-Spiels zwischen Pakistan und Indien im Stadion von Agra verantwortlich. Und vor sechs Jahren zerlegten sie in Mumbai zwei Fernsehstudios, weil ihnen die politische Ausrichtung der Sender nicht passte. Ein Parteisprecher bekannte sich ganz unverblümt zu einer Strategie der Gewalt: "Wer sich auf Sena einschießt, den greifen wir an."