Die zwölfjährige Alma hat gerade ihren ersten Selbstverteidigungskurs hinter sich. Sie geht in die 7. Klasse eines Gymnasiums und wurde dort zwei Stunden lang über den Umgang mit der neuen Bedrohungslage belehrt. Das hat das Mädchen aus  Tel Aviv etwas beruhigt – jetzt weiß es zumindest, wie sie sich im Ernstfall verhalten soll. "Man muss die Umgebung im Auge behalten, damit einem verdächtigen Gestalten auffallen", sagt Alma. "Das kann jemand sein, der mit verzerrtem Gesicht suchend um sich blickt, oder eine weite Kleidung trägt, unter dem eine Waffe verborgen sein könnte. In so einem Fall sollen wir auf Abstand gehen und Erwachsene informieren". Es sei besser, zu früh – und fälschlicherweise – 'Terrorist' zu rufen, als zu spät. Und sich dann zu entschuldigen, wenn sich herausstellen sollte, dass der Verdächtige unschuldig war, sagt sie.

Drei Wochen lang folgt in den israelischen Medien eine schlechte Nachricht auf die andere. An manchen Tagen kommen die Berichte  über Anschläge auf jüdische Israelis im Stundentakt – ausgeführt mit Messern, Autos, Felsbrocken. Die Attacken finden diesseits und jenseits der Grünen Linie statt, die Israel vom besetzten Westjordanland trennt. Zuletzt unter anderem auch im Negev, als ein 21-jähriger Beduine mit israelischem Pass im Busbahnhof von Beer Shewa einem Soldaten die Waffe entwendete und um sich feuerte.

Daraufhin starb nicht nur der Beduine, sondern auch ein Flüchtling aus Eritrea. Er wurde fälschlicherweise für den Attentäter gehalten, angeschossen und schließlich noch misshandelt. Das löste eine Debatte über das Prinzip aus, das Polizei und Regierung im Hinblick auf Selbstverteidigung und vor allem den Umgang mit Feuerwaffen verfechten: Die Maxime der Abschreckung: Wer angreift, muss damit rechnen, erschossen zu werden.

Bisher zeigt dies allerdings wenig Wirkung. Denn die meisten Attentäter sind palästinensische Jugendliche aus Ostjerusalem, die niemand losschickt. Sie sind auf eigene Faust unterwegs und bereit zu sterben.

So steigt die Zahl der Toten täglich: Neun Israelis starben bei Anschlägen, Dutzende erlitten Verletzungen, zwanzig Palästinenser überlebten ihre versuchten oder verübten Messerattacken nicht. Eltern beklagen, dass sie kaum Kontrolle über diese neue, heranwachsende Generation hätten, die während der Zweiten Intifada erst geboren wurden und radikaler sei als sie selber.

Video-Anleitungen zum Messerstechen

Die Motive dieser Jugendlichen sind vielfältig. Sie lehnen sich gegen die Diskriminierung als Araber und die Benachteiligung ihrer Wohnviertel durch die Jerusalemer Stadtverwaltung auf. Sie haben Papiere, die ihnen Bewegungsfreiheit gewähren und somit auch einen Blick auf die besseren Lebensbedingungen der anderen Seite. Sie wollen die Al Aksa Moschee retten, deren Existenz sie durch Israel bedroht sehen. Dieses Gerücht wird geflissentlich weiterverbreitet von all jenen, die an einer Eskalation interessiert sind. Allen voran die Islamisten der Hamas, die neuerdings Videoanleitungen zum Messerstechen verbreitet.

Noch gibt es eine Sicherheitskooperation zwischen israelischer Armee und den Sicherheitskräften der Palästinenserbehörde in Ostjerusalem, aber allmählich brodelt es auch im Westjordanland. "Es ist nicht dieselbe Situation wie 2002, als die Armee mit der Operation Schutzschild ins Westjordanland einfiel", sagt der Amos Harel, Armeeexperte der Zeitung Haaretz. "Noch sind wir davon weit entfernt, aber wenn die jetzige  Terrorwelle noch lange so weiter geht, befindet man sich auf einem rutschigen Terrain. Niemand kann sagen, wie dann die nächste Phase aussehen würde." 

Wie ihre palästinensischen Altersgenossen kennt auch Alma die düsteren Zeiten der Zweiten Intifada nur aus Erzählungen. Für die Israelis legte sich ein grauer Schleier über den Alltag, als Selbstmordattentäter Anfang des Jahrtausends serienweise Busse und Cafés in die Luft sprengten. Um sich jetzt ein Gefühl von Sicherheit zu geben, haben sich viele Israelis mit Tränengas ausgerüstet und Waffenscheine beantragt.

Social Media macht Attentäter zu "unschuldigen Märtyrern"

Fast in Echtzeit verfolgen Alma und ihre Freunde die Nachrichtenlage. Sie bekommt Bilder über Whatsapp aufs Smartphone, oft auch Videos von Anschlagsorten. Was bei jungen Israelis das Angstgefühl verstärkt, fördert auf palästinensischer Seite die Wut.

Es sind dort aber nicht die gleichen Bilder, die auf den Displays aufploppen. Tote Attentäter werden in arabischen Videos auf Youtube und Facebook zu "unschuldigen Märtyrern" erhöht, die von den "israelischen Aggressoren exekutiert" worden seien, ohne jeden Verweis auf ihre vorherigen Taten oder Vorhaben. Die Sorge, dass dies Nachahmer animiert, treibt palästinensische Eltern und israelische Sicherheitskräfte gleichermaßen um. Noch schlimmer: Mittlerweile hat sich nun erstmals auch der "Islamische Staat" zu Wort gemeldet, dessen Wortführer bisher nicht viel für die palästinensische Sache übrig hatten. In einem der Videos wurde den Palästinensern zu dem "Dschihad gegen die ausbeutenden Juden" gratuliert.

Für Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sind das schwere Zeiten, denn das Thema Sicherheit ist sein Markenzeichen. Als ihn am Dienstagabend UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon in Jerusalem besuchte, wiederholte er, dass Israel keinerlei Absicht habe, den Status auf dem Tempelberg (wo die Al Aksa Moschee steht) zu verändern. Die palästinensische Seite bedrohe Israel, indem sie jegliche historische Verbindung der Juden zu ihren heiligen Stätten in Jerusalem leugne, sagte er. Damit die Lage nicht weiter außer Kontrolle gerät, will nun auch US-Außenminister John Kerry sich um Klarheit im Streit um den Tempelberg mühen. Netanjahu soll ihn in Berlin treffen. Dort soll am heutigen Mittwoch ein Treffen mit Angela Merkel nachgeholt werden, das Netanjahu wegen der Lage in seinem Land jüngst verschoben hatte.

Im Ausland wird man Netanjahu an ein politisches Detail erinnern, das in Israel in diesen Tagen untergeht: Während Regierung und auch große Teile der Opposition zusammenstehen und  allein von Terrorbekämpfung sprechen, gibt es derzeit nur vereinzelte Stimmen, die zur notwendigen Trennung von den Palästinensern aufrufen und in der Besatzung die Wurzel allen Übels sehen.

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde geändert. In einer früheren Fassung war davon die Rede, der Eritreer sei "gelyncht" worden. Zwar ist er misshandelt worden, Todesursache war jedoch der Schuss eines Wachmanns.