US-Außenminister John Kerry hat Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in getrennten Telefonaten zur Beruhigung der Situation aufgefordert. Die USA beobachteten die Eskalation und das Blutvergießen rund um den Tempelberg sehr genau, sagte Kerry laut dem State Department. Es sei wichtig, aufrührerische Rhetorik zu verhindern. Er bot beiden Politikern seine Unterstützung dabei an, "so schnell wie möglich" wieder Ruhe herzustellen.

Nur wenige Stunden nach dem Telefonat griff Israels Luftwaffe ein Ziel im Gazastreifen an. Kampfflugzeuge hätten ein Ausbildungszentrum der radikalislamischen Hamas beschossen, hieß es aus palästinensischen Sicherheitskreisen. In der Einrichtung selbst sei niemand verletzt worden. Allerdings sei ein nahestehendes Haus eingestürzt. Aschraf al-Kidra, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza, sagte, dabei seien eine schwangere 30-Jährige und deren kleine Tochter getötet worden. Vier Familienmitglieder seien verletzt worden.

Ein Sprecher der israelischen Armee sagte hingegen, Israel habe zur Vergeltung für Raketenangriffe aus dem Gazastreifen zwei Einrichtungen der radikalislamischen Hamas zur Waffenherstellung bombardiert. Die Armee hatte demnach eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete über dem Süden Israels abgefangen, wo bereits in der Nacht zuvor eine Rakete in unbewohntem Gebiet eingeschlagen war, ohne Schaden anzurichten.

Kurz darauf sprengte sich eine Palästinenserin in unmittelbarer Nähe mehrerer israelischer Polizisten im Westjordanland in die Luft. Die Frau sei dabei schwer und ein Polizist leicht verletzt worden, teilte die Polizei mit. Die Palästinenserin sei auf einem Motorrad unterwegs gewesen und von der Polizei angehalten worden. Daraufhin habe sie "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") gerufen und ihren Sprengsatz gezündet.

Zuvor hatten zwei Palästinenser bei erneuten Messerangriffen in Jerusalem fünf Israelis verletzt. Polizeisprecher Micky Rosenfeld sagte, beide Angreifer seien von Sicherheitskräften erschossen worden. Zwei weitere Palästinenser wurden bei einer gewaltsamen Demonstration nahe dem Grenzzaun zum Gazastreifen getötet. Dutzende Palästinenser aus dem Gazastreifen durchbrachen kurzzeitig die schwer bewachte Grenze zu Israel. Fünf Personen wurden festgenommen.

Beobachter befürchten dritte Intifada

Die Situation im Nahen Osten hat sich im Oktober erneut dramatisch zugespitzt. In den vergangenen anderthalb Wochen wurden bei Schuss- und Messerattacken in Israel und den besetzten Gebieten vier Israelis und acht Palästinenser getötet. Dem Roten Halbmond zufolge wurden mehr als 500 Palästinenser im Westjordanland verletzt.

Auslöser war der neu aufgeflammte Streit um den Zugang zum Tempelberg in der Altstadt von Jerusalem, der sowohl für Juden als auch Muslime heilig ist. Erneute Gerüchte machten die Runde, dass Israel den Zugang auf das Plateau, auf dem auch die Al-Aksa-Moschee steht, für Muslime beschränken und für Juden ausweiten wolle.

Beobachter fürchten bereits einen dritten Palästinenseraufstand, eine sogenannte Intifada. Die gewaltsamen Proteste gingen mittlerweile über Jerusalem hinaus und erreichten das Westjordanland und den Gazastreifen.

Vorwürfe auf beiden Seiten

Abbas und Netanjahu machten sich gegenseitig für die jüngste Eskalation der Gewalt verantwortlich. Netanjahu bekräftigte in dem Gespräch mit Kerry nach eigenen Angaben, dass die Palästinenserbehörde aufhören müsse, die Palästinenser "aufzuwiegeln". Abbas wiederholte nach eigenen Angaben seine Forderung an die israelische Regierung, die "Provokationen jüdischer Siedler" nicht weiter zu decken.