Ich würde diesen Krieg so gern ignorieren. Nicht noch einer, der Mittlere Osten hat wahrlich schon genug Schlachtfelder. Also haben ich, meine Zeitung, die internationale Presse überhaupt genau das getan: eine Berichterstattung über Jemen findet kaum statt. Auch, weil das Land für ausländische Journalisten inzwischen weitgehend zur No-Go-Area geworden ist.

Telefonieren und Skypen ist möglich – vorausgesetzt es gibt Strom, was vor zwei Tagen der Fall war. So ergab sich ein Gespräch mit Mahmoud, einem 45-jährigen Linguisten in Sanaa, Hauptstadt des Jemen und bislang vor allem berühmt für ihre über tausend Jahre alte Zuckerbäcker-Altstadt, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.  

"Auch da schlagen jetzt die Bomben ein", sagt Mahmoud, bevor man ihn überhaupt fragen kann, wie es ihm geht. Weil es im Jemen nicht ungefährlich ist, Verbrechen der Konfliktparteien öffentlich zu benennen, bleibt Mahmouds voller Name hier ungenannt.

Seit März dieses Jahres bombardiert die Luftwaffe Saudi-Arabiens zusammen mit arabischen Verbündeten Städte und Dörfer im Jemen. Was als "Blitz-Offensive" gegen Iran-freundliche Rebellen geplant war, ist zu einem Krieg mit regionaler Beteiligung eskaliert – und zwar ausgerechnet im ärmsten Land der arabischen Welt. 

Geostrategischer Hinterhof von Saudi-Arabien

Rebellen aus der Volksgruppe der Huthis im Norden des Landes hatten nach einer größeren Protestwelle gegen Korruption im Frühjahr den amtierenden Präsidenten Hadi aus dem Land gejagt und waren bis an die Südküste durchmarschiert. Inzwischen sind die Huthis durch die Luftangriffe und Pro-Hadi-Milizen am Boden zwar aus der größten Hafenstadt Aden und anderen Teilen des Südens wieder verdrängt worden. Doch die Huthis kontrollieren weiterhin große Gebiete, darunter die Hauptstadt Sanaa.

"Unser Tag", sagt Mahmoud, "fängt oft um fünf Uhr morgens an. Da wecken uns die ersten Explosionen der saudischen Angriffe. Das geht bis mindestens acht oder neun Uhr. Dann schicke ich eine SMS an Freunde und Kollegen, um zu sehen, ob alle okay sind. Wenn es ruhig bleibt, gehe ich ins Büro. Aber keiner hier weiß, ob er den nächsten Tag überlebt. Oft wird auch nachmittags bombardiert oder nachts.

Am Geburtstag meines Sohnes im September schlug eine Bombe in unserer Nähe ein. Er rief immer wieder 'Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben...' und wollte panisch aus dem Haus laufen. Der Junge ist neun Jahre alt. Es tut weh, wenn man sein eigenes Kind in diesem Zustand sieht."

Während wir reden, bleibt es im Hintergrund ruhig. Es ist früher Abend – Bombenpause.

UN-Organisationen schätzen die Zahl der Kriegstoten inzwischen auf rund 5.000. Mahmoud spricht von 6.000 Toten und über 20.000 Verwundeten. Nach Angaben der britischen NGO Action on Armed Violence (AOAV) und des UN-Nothilfeprogramm OCHA sind im Jemen in den vergangenen neun Monaten mehr Menschen durch Sprengwaffen – Bomben, Raketen, Minen, Mörsergranaten, Sprengfallen – getötet oder verletzt worden als in Syrien. Über 80 Prozent der Opfer, so AOAV, seien Zivilisten, die größte Verheerung richteten Luftangriffe an. Mahmoud berichtet von Bomben auf Sanaas Altstadt. Er listet die zivilen Opfer und Zerstörungen in seiner näheren Umgebung auf. Hier eine Familie mit acht Kindern, dort die Schule seines Sohnes, die am Tag des Bombardements glücklicherweise geschlossen war.

"Wissen Sie, was vor ein paar Tagen in Wahija passiert ist", fragt Mahmoud. "Saudische Kampfbomber haben eine Hochzeitsgesellschaft in einem Dorf angegriffen. Es hat über 130 Tote gegeben. Darunter viele Frauen und Kinder. Aber international nimmt das niemand wahr. Das ist ein vergessener Krieg."

Der Angriff Ende September auf das Dorf Wahija, nahe der Küste zum Roten Meer, wurde von den UN scharf verurteilt, erhielt in den internationalen Medien aber nur wenig Aufmerksamkeit. Saudi-Arabien bestreitet, den Luftschlag ausgeführt zu haben.

Für das sunnitische Königreich zählt der kleine Nachbar Jemen zum geostrategischen Hinterhof. Hinter der Rebellion der schiitischen Huthis steckt nach Überzeugung Riads der Erzfeind Iran. Wenn es mal so einfach wäre. Aber das Schema des ewigen Kampfes zwischen Sunniten und Schiiten passt hier nicht. Im Jemen verlaufen die Fronten kreuz und quer: Zwischen dem Norden und Süden, die bis 1990 zwei miteinander verfeindete Staaten waren; zwischen mächtigen Stämmen; zwischen sunnitischen Muslimbrüdern und schiitischen Huthis. Eine Sammlung von Karten, zusammengestellt vom European Council on Foreign Affairs, illustriert die Geschichte dieser Frontverläufe sehr gut.

Es ist nicht lange her, da demonstrierten Vertreter aller Gruppen gemeinsam in den Städten. Auch der Jemen hatte 2011 seinen politischen Frühling, Tausende harrten über Monate in Sanaa in Protestcamps aus, um das korrupte Regime des Ali Abdullah Salih loszuwerden. Der ließ schießen, es folgten schwere Auseinandersetzungen, bis Salih auf Druck und Vermittlung der Golfstaaten und des Westens die Macht an seinen Stellvertreter Hadi abgab und ins saudische Exil ging. Allerdings unter einer Bedingung: er ließ sich Straffreiheit für seine Verbrechen garantieren. Nicht alle Oppositionsgruppen stimmten dem zu.

Hadi verlor langsam aber sicher die Kontrolle über die Armee, die Korruption grassierte weiter, die Huthis stellten sich im vergangenen August an die Spitze neuer Demonstrationen, besetzten Sanaa, vertrieben Hadi – und besoffen sich dann so sehr an ihrer neuen Macht und ihren Waffen, dass sie den Durchmarsch Richtung Süden probten. Das saudische Königshaus, schwer verstört durch die Annäherung Irans an den Westen, meint seither , in Jemen "Stärke" zeigen zu müssen. Was als "Blitzoffensive" gedacht war, dauert nun schon sechs Monate. Die internationale Staatengemeinschaft hält sich mit Kritik an Riad zurück, die USA unterstützen die Militäroffensive ihres vergrätzten Dauerverbündeten. Auch von der Bundesregierung, einem treuen Waffenlieferanten Riads ist nichts zu hören.

Und Salih, der Ex-Diktator? Der ist zurück im Jemen und versucht nun ausgerechnet an der Seite der Huthi-Rebellen wieder an die Macht zu kommen.