Kilometerhoch standen die schwarzen Rauchwolken über dem Al-Qasr-Hotel in Aden. Aus der reich verzierten Vorderfassade schlugen die Flammen. Zwei Selbstmordattentäter hatten am frühen Morgen Autobomben vor dem Haupteingang der wuchtigen Luxusherberge im Westen der Hafenstadt gezündet, in der Regierungschef Khaled Bahah und das Kabinett derzeit ihren Sitz haben.

Von der jemenitischen Führung, die im Februar aus der Hauptstadt Sanaa flüchten musste, wurden mehrere Minister verletzt, nicht jedoch Premier Bahah. 15 Menschen in der Hotellobby starben, darunter mindestens zwei Wachsoldaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi dagegen, der sich kürzlich nach sechs Monaten Exil in Saudi-Arabien zu einer ersten Stippvisite einfliegen ließ, war nicht vor Ort.

Der spektakuläre Anschlag auf das provisorische Regierungszentrum in Aden, zu dem sich der "Islamische Staat" bekannte, schürt neue Zweifel an dem gigantischen Militärabenteuer, welches das saudische Königshaus im März im Nachbarland Jemen angezettelt hat. Durchschlagende Erfolge gegen die Houthis aus dem Norden, die mit Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh verbündet sind, können die golfarabischen Kriegsherren nicht verbuchen. Wichtige Alliierte wie Ägypten gehen mittlerweile auf Distanz.

Auch die seit Wochen angekündigte Bodenoffensive in der Provinz Marib, mit der die Hauptstadt Sanaa von den schiitischen Rebellen zurückerobert werden soll, stockt. Vor allem die Koordination der Bodentruppen mit der saudischen Luftwaffe funktioniert nicht. Bereits zwei Mal wurden verbündete jemenitische Einheiten von saudischen Kampfjets bombardiert. "Wenn der Aufmarsch weiter so desorganisiert bleibt, wird es wohl keinen Sieg geben", sagte ein Offizier. 

Bewohner von Aden berichten unterdessen, auf den Straßen herrsche Chaos und Anarchie. Durch die Situation erhielten Dschihadisten von Al-Kaida praktisch freie Hand. Al-Kaida ist im Jemen mittlerweile mächtiger denn je, seit ihre Kämpfer die komplette Hafenstadt Mukalla erobern und halten konnten.

Die Zerstörung geht weiter

Jemen ist das mit Abstand ärmste Land in der Arabischen Welt. Die Zerstörung der Infrastruktur gleicht immer mehr den Verwüstungen in Syrien. "Der Krieg hat die Entwicklung von Jahrzehnten ausradiert", sagte Jemens Außenminister Riad Yassin vor der UN-Vollversammlung. Mindestens 5.000 Menschen sind durch Bombardements, Artilleriebeschuss oder Minen gestorben. Wohnviertel, Fabriken, Brücken und Häfen sind zerstört.

Amnesty International wirft der saudischen Generalität vor, Kriegsverbrechen zu begehen, keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen und international geächtete Cluster-Munition einzusetzen. In dem Dorf Wahijah nahe der Stadt Mokka am Roten Meer schlugen zwei Raketen in eine Hochzeitsgesellschaft ein. 135 Menschen starben. "Das Ausmaß der globalen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden im Jemen ist schockierend", sagte Donatella Rovera von Amnesty International.

Auch die einzigartigen Kulturschätze des Jemen sind immer stärkeren Zerstörungen ausgesetzt. Berichte über Museumsplünderungen und systematische Raubgrabungen häufen sich. Ein einziger Luftangriff vernichtete das Museum von Dhamar im jemenitischen Hochland, das 12.500 Objekte beherbergte. Mehrere Häuser der Altstadt von Sanaa, die zum Unesco-Welterbe gehören, wurden von Raketen zerstört. Am ältesten Staudamm der Menschheit in Marib, der auch im Koran erwähnt ist, wurden die beiden antiken Großschleusen schwer beschädigt. Die tausend Jahre alte Zitadelle von Taiz, der drittgrößten Stadt des Landes, liegt in Trümmern. Und seit Monaten registrieren europäische Antikenspezialisten bei Auktionen einen Anstieg von "südarabischen Objekten aus alten Sammlungen".

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, dass der Angriff mit Katjuscha-Raketen erfolgte. Inzwischen wurde bekannt, dass IS-Terroristen den Anschlag mit Autobomben verübten.