ZEIT ONLINE: Vizekanzler Sigmar Gabriel hat vor Kurzem ins Gespräch gebracht, die Sanktionen gegen Russland zu überdenken, weil es in Syrien als Partner gebraucht werde. Sie haben ihm zugestimmt. Ist das der richtige Weg, um Russland zu einer produktiven Rolle zu bringen?

Jürgen Trittin: Sanktionen der Europäischen Union werden nicht aufgehoben. Sie laufen aus, wenn sie nicht einstimmig verlängert werden. Das sollte der Vizekanzler wissen. Die Idee, dass man Russland um seiner selbst willen sanktioniere, verkennt, und dem stimme ich zu, dass wir eine Reihe von Problemen nur mit und schon gar nicht gegen Russland lösen können. Das gilt für die Ukraine, für den Nahen Osten aber auch für die Sicherheit Gesamteuropas.

Zudem gilt es zwischen den Sanktionen wegen der Ostukraine und wegen der Annexion der Krim zu differenzieren. Die Krim-Sanktionen werden wohl noch häufig verlängert werden, da ich nicht mit einem schnellen Ende der völkerrechtswidrigen Annexion rechne. Die Wirtschaftssanktionen zur Ostukraine hängen an dem Fortschritt bei der Umsetzung des Minsker Abkommens. Da gab es jüngst positive Signale.

ZEIT ONLINE: Welche wären das?

Trittin: Seit Anfang September hält weitgehend die Waffenruhe. Es scheint so zu sein, dass bisher der Rückzug der mittelschweren Waffen auch gelingt. Infolge des Gesprächs von Hollande und Merkel mit Putin haben die Separatisten jetzt erst mal ihre angekündigte Wahl ins nächste Jahr und damit hinter die dann hoffentlich beschlossene Verfassungsänderung der Ukraine geschoben. Das ist alles Umsetzung von Minsk II, wenn auch mit erheblichen Verzögerungen. Vor diesem Hintergrund wird dann Ende des Jahres die Europäische Union darüber zu entscheiden haben, ob und welche Sanktionen aufgehoben werden. Es ist angemessen, das zu dem Zeitpunkt von den Fortschritten in der Ostukraine abhängig zu machen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass bis zum Jahresende so viele Fortschritte zu sehen sein werden, dass man wirklich dafür argumentieren kann, die Sanktionen nicht zu verlängern?

Trittin: Leider haben wir in der Ukraine-Krise die Erfahrung machen müssen: Erstens kommt es anders, und zweitens schlimmer als man denkt. Wenn sich aber diese Zeichen zu einer dauerhaften Entwicklung stabilisieren sollten, dann wird man das bei der Entscheidung über Sanktionen mit berücksichtigen müssen. Etwas anderes sind die Sanktionen gegen Mitglieder von Duma und Europarat, die nur verhängt worden sind, weil die anderer Meinung sind als wir …

ZEIT ONLINE: … und an Entscheidungen beteiligt waren, die zu der jetzigen Situation geführt haben.

Trittin: Ja, aber es hört ja auch niemand auf, mit Putin zu sprechen. Wobei niemand bezweifelt, dass letztendlich er die Entscheidungen getroffen hat. Und um ehrlich zu sein, ist die reale Entscheidungsgewalt der Duma-Abgeordneten doch eher gering.

ZEIT ONLINE: Das Interesse an Gesprächen scheint von russischer Seite nicht wahnsinnig groß zu sein: Ihre SPD-Kollegen Annen und Thönnes haben sich in Moskau gerade erst vergeblich bemüht, Gesprächstermine mit Duma und Föderationsrat zu bekommen. Die beiden sagen: "Moskau hat derzeit kein Interesse an einem Dialog, der kritische Stimmen einschließt." Auch sonst sind die Kontakte eher bescheiden.

Trittin: Ich war im Juni mit der deutsch-russischen Parlamentariergruppe dort. Wir haben auch mit Parlamentariern gesprochen. Ich war auch im letzten Jahr dort, da habe ich ebenfalls mit Parlamentariern gesprochen. Die müssen einem ja nicht alle gefallen. Es gibt da also offenbar ein gemischtes Bild. Aber gerade wenn Franz Thönnes diese schlimme Erfahrung gemacht hat, dann soll man es ihnen nicht noch mit Sanktionen bequem machen, sich nicht mit uns auseinandersetzen zu müssen. Wir müssen sie mit unseren Argumenten konfrontieren.

Und auf einer anderen Ebene: Wir haben den Nato-Russland-Rat einstmals eingerichtet, um Konflikte zwischen der Nato und Russland zu bearbeiten. Jetzt haben wir einen Riesenkonflikt, den größten seit dem Ende des Kalten Krieges, und wir suspendieren die Tätigkeit dort, das ist auch nicht gut.

ZEIT ONLINE: Wie ist der Diskussionsstand in der Fraktion? Zu den Sanktionen gegen Russland gab es ja auch durchaus härtere Stimmen: Claudia Roth warnte vor einem "dreckigen Deal", und Omid Nouripour wird übel bei dem Gedanken, wegen Syrien die Sanktionen infrage zu stellen.

Trittin: Eine Logik, die ich zum Beispiel aus Teilen der deutschen Wirtschaft höre: Wenn sich denn der Russe nur nett verhält in Syrien, dann schauen wir bei der Ukraine nicht so genau hin – die teile ich ganz und gar nicht. Da bin ich ganz bei dem, was Omid und Claudia auch sagen.

Die Realität aber ist: Es gibt keine militärische Lösung in Syrien. Es wird am Ende eine Verhandlungslösung geben müssen. Aber es gibt keine Lösung ohne den Iran und Russland. Das wissen wir schon seit fünf Jahren. Doch man hat sich nicht daran gehalten. Europa hat weggeschaut und Saudis sowie die Golfstaaten mit Waffenlieferungen unterstützt. Nun ist die gemäßigte Opposition geschwächt, die Islamisten sind gestärkt – aber Assad ist immer noch da mit seiner mörderischen Gewalt. Mit der russischen Intervention wurde die Lebenslüge offenbar, man könne Assad stürzen und müsse sich dann nicht mit ihm einigen. Wir sind solchen Konflikten lange Zeit nicht mit einer realistischen Antwort begegnet, sondern mit Wünschen. Und die fliegen jetzt auf. Und in Syrien wird von verschiedenen Koalitionen unkoordiniert bombardiert.